Keynes: Kein Inflationist

Die Tatsache, dass sich Keynes in der „General Theory“ mit dem Thema „Inflation“ nicht beschäftigt, ist immer wieder dahingehend missverstanden werden, Keynes habe dem Problem der Inflation keine Bedeutung beigemessen. In der „General Theory“ spielte dieses Problem jedoch nur deswegen keine Rolle, weil Keynes dieses Buch vor dem Hintergrund der im Herbst 1929 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise schrieb; während dieser Krise sanken weltweit Löhne und Preise (siehe dazu die nachstehende Unterrubrik „Weltwirtschaftskrise“). Deflation und nicht Inflation war das aktuelle Problem.

Für andere Zeiten betonte Keynes durchaus andere Ziele und Prioritäten. So setzte sich Keynes in seinem "Tract on Monetary Reform" (1923) (siehe dazu die Monographie Nr.5) für die Preisstabilität als wirtschaftspolitisches Ziel ein. Diese Forderung war zu ihrer Zeit vor allem deshalb revolutionär, weil sie das Primat des externen Gleichgewichts, d.h. die unbedingte Konstanz des Wechselkurses, in Frage stellte. Andererseits wies die Entwicklung des Preisniveaus keinen anhaltenden Trend auf. Über fast 300 Jahre war das Preisniveau etwa in England abwechselnd gestiegen und gefallen und dabei im Durchschnitt praktisch konstant geblieben! Aber Keynes ging über eine bloße Abwägung des stabilitätspolitischen Trade-off zwischen Wechselkurs- und Preisstabilität hinaus, indem er die wohlfahrts- und verteilungspolitischen Implikationen einer anhaltenden Verletzung des Geldwertziels in den Vordergrund rückte. Es bedurfte keiner "monetaristischen Konterrevolution", um die volkswirtschaftlichen Kosten der Inflation zu verstehen.

Als weiteres Beispiel sei Keynes’ Reaktion auf die Inflationsgefahren genannt, die in Großbritannien ab Beginn des 2.Weltkriegs auftraten, nachdem durch Rüstungsausgaben und Mobilisierung wehrfähiger Männer praktisch Vollbeschäftigung erreicht war. Sofort formulierte Keynes einen Vorschlag, wie der Krieg so finanziert werden könne, dass Inflation vermieden wird kann („How to Pay für the War“ – siehe Monographie Nr. 14).

Die säkulare schleichende Inflation entsteht erst in der Nachkriegszeit, also nach Keynes’ Tod 1946. Erst in dieser Zeit konnte Keynes in der Öffentlichkeit zuweilen als Prophet einer wirtschaftspolitisch garantierbaren Vollbeschäftigung ohne Beachtung des Ziels der Preisstabilität missverstanden werden. Jedoch war seine analytische Botschaft eine andere: Das Vollbeschäftigungsgleichgewicht ist bei realistischen Marktkonstellationen vermutlich nicht stabil, möglicherweise nicht einmal existent. Auf jeden Fall hätte Keynes stets beide Ziele, „hohe Beschäftigung“ und „Preisstabilität“ für wichtig erachtet.

Durch das Verhalten der Anbieter (siehe dazu Unterrubrik „Keynesianische Inflationstheorien“ in der Rubrik „Weiterentwicklung des Keynesianismus“) verbanden sich in der Nachkriegszeit schleichende Inflation und hohe Beschäftigung. Es war daher eine tragische Ironie der Keynes’schen Revolution, dass die Abschaffung der Rolle des "barbarischen Goldes" in der Währungspolitik im Interesse einer beschäftigungspolitischen Autonomie schließlich in eine Stabilisierungsstrategie mündete, die ein substantielles Niveau der Arbeitslosigkeit aufrechterhielt, um den potentiell inflatorischen Lohndruck kontrollieren zu können. Globalisierung, Deregulierung und Bevölkerungswachstum in der 3.Welt markieren jedoch den Übergang zu neuen Marktbedingungen, in denen ein weltweites Überangebot an Arbeit die Wiederkehr eines "klassischen" Systems bewirkt, das neben Phasen der Preissteigerung auch Phasen der Deflation aufweist. Die Keynes’sche Theorie bietet bislang fast den einzigen umfassenden Ansatz zum Verständnis derartiger Marktprozesse.

Mit der Geldmengenentwicklung allein lassen sich diese Prozesse nicht erklären. Jenseits einer trivialen Parallelität von Geldmenge und Preisen bei sehr hohen Inflationsraten gibt es wenige Belege für das Postulat einer Neutralität des Geldes und der Geldpolitik. Die Notenbanken haben mit ihrer Zinspolitik somit auch mittel- und langfristig einen starken Einfluss auf Wachstum und Beschäftigung. In den USA ist dies in der praktischen Geldpolitik sowie in der breiten Öffentlichkeit anerkannt. Das Beispiel der USA zeigt auch, dass eine keynesianisch orientierte Geldpolitik keineswegs eine inflationäre Tendenz aufweisen muss. Denn es geht nicht – wie in den monetaristischen Modellen à la Barro/Gordon unterstellt – darum, eine Überbeschäftigung anzustreben. "Keynesians were concerned with the problem of pushing the economy to its natural rate, not beyond it" (Frank Hahn).

Der Vorbehalt, Keynes' Name stehe für eine insgesamt eher laxe Wirtschaftspolitik, ist unbegründet. Für die Finanzpolitik wird Keynes' Erkenntnis, dass Sparpolitik in der Krise gesamtwirtschaftlich schädlich und im Hinblick auf Budgetsanierung kontraproduktiv ist, heute zumeist anerkannt. In langfristiger Perspektive plädierte er für einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Möglicherweise wäre er heute einer der Befürworter des europäischen Stabilitätspaktes – unter der Bedingung, dass die europäische Zentralbank neben der Sicherung der Geldwertstabilität auch einen Auftrag zur Konjunkturstabilisierung und Wachstumsförderung erhielte.

(Jürgen Kromphardt/ Peter Spahn)

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