Neuere Veröffentlichungen zur „General Theory“
Für einige Zeit schien dank des Siegeszuges des Monetarismus und der „Neuen Klassischen Makroökonomie“ die „General Theory“ von Keynes auch aufgrund ihrer neoklassischen Uminterpretation (s. die Rubrik: Von der neoklassischen Synthese zur AS/AD-Analyse) nur noch dogmengeschichtliche Bedeutung zu haben. Dies begann sich in den 1980er Jahren zu ändern, nachdem die Anwendung der wirtschaftspolitischer Rezepte dieser neuen Theorierichtungen nicht die versprochenen Erfolge gebracht hatten.
I Insbesondere der 100. Geburtstag von Keynes im Jahr 1983 und die 50. Wiederkehr des Erscheinens der „General Theory“ im Jahre 1986 boten Anlässe, sich wieder intensiv mit diesem Werk und seiner aktuellen Relevanz zu beschäftigen.
Davon zeugen die folgenden Sammelbände:
Butkiewicz, J./Koford, K.(Hrsg.): Keynes’Economic Legacy. Contemporary Economic Theories. New York etc. (Praeger), 1986;
Eltis,W./Sinclair, P. (Hrsg.): Keynes and Economic Policy: The Relevance of the General Theory after Fifty Years. Basingstoke (Macmillan) 1988;
Hagemann, H./Steiger, O. (Hrsg.): Keynes’ General Theory nach fünfzig Jahren. Berlin (Duncker & Humblot), 1988;
Hamouda, O./Smithin, J. (Hrsg.): Keynes and Public Policy after Fifty Years. Aldershot (Edward Elgar),Vol. 1 und 2, 1988;
Hillard, J. (Hrsg.): J.M. Keynes in Retrospect. The Legacy of the Keynesian Revolution. Aldershot (Edward Elgar), 1988;
Sinclair, P. (Hrsg.): Prices, Quantities and Expectations: Keynes and Macroeconomics in the Fifty years since the Publication of the General Theory. Oxford etc. (Oxford University Press,Clarendon Press), 1987;
Worswick, D./Trevithick, J. (Hrsg.): Keynes and the Modern World: Proceedings of the Keynes Centenary Conference, King’s College, Cambridge. Cambridge etc. (Cambridge University Press), 1983;
Yeager, L et al (Hrsg.): Keynes’s General Theory Fifty Years on: Its Relevance and Irrelevance to Modern Times. London (Institute of Economics Affairs) 1986.
In diesem, von einem betont konservativen Institute herausgegebenen Band steht die angebliche Irrelevanz im Vordergrund. Milton Friedman allerdings nennt in seinem Beitrag die „General Theory“ „a great book“, und betont u.a., Keynes sei ein „Marshallian“, der nicht wie ein Walrasianer ein allgemeines und abstraktes System simultaner Gleichungen errichten wollte, sondern eine einfache, fruchtbare Theorie. Er meint allerdings, Keynes sei durch die Erfahrung widerlegt.
Zinn, K.G. (Hrsg.): Keynes aus nachkeynesscher Sicht. Zum 50.Erscheinungsjahr der „Allgemeinen Theorie“ von John Maynard Keynes. Wiesbaden (Deutscher Universitäts-Verlag), 1988.
Auch das Buch von Christian Jäggi, Die Makroökonomik von Keynes (Berlin etc. Springer, 1986) fällt in diese Phase der Rückbesinnung.
In der gleichen Zeit hatten im angelsächsischen Sprachraum u.a. Victoria Chick in ihrem Band „Macroeconomics after Keynes. A Reconsideration of the General Theory (Oxford, Philip Alan, 1983) und Peter Howitt in seinem Artikel „The Keynesian Recovery“ (Canadian Journal of Economics, Vol.19, 1986, S.626-641) weiter daran gearbeitet, die ursprüngliche Lehre von Keynes herauszuarbeiten, von der neoklassischen Uminterpretation zu befreien und dadurch zu einer „Keynesian Recovery“ beizutragen. Einen wichtigen früheren Anlauf hatte Axel Leijonhufvud mit seinem Buch „Keynesian Economics and the Economics of Keynes” (London etc., Oxford University Press, 1968) unternommen.
II In Deutschland begann bereits ab 1976 eine von Gottfried Bombach geleitete Gruppe, nicht nur die Theorie von Keynes vorzustellen und mit der (damaligen) Theorie- Diskussion zu konfrontieren, sondern vor allem auch ihren wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrund und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik aus deutscher Sicht und Erfahrung zu betrachten.
Diese Schwerpunktsetzung wird deutlich, wenn man die Titel und Beiträge des auf sechs Bände angewachsenen Projekts sieht:
Band I Theorie und Praxis keynesianischer Wirtschaftspolitik (1976)
A Andreas Korsch: Der Stand der beschäftigungspolitischen Diskussion zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in Deutschland
B Oliver Landmann: Keynes in der heutigen Wirtschaftstheorie
C Heinz-Peter Spahn: Keynes in der heutigen Wirtschaftspolitik
Band II Die beschäftigungspolitische Diskussion vor Keynes in Deutschland (1976)
Band III Die geld- und beschäftigungstheoretische Diskussion in Deutschland zur Zeit von Keynes (1981)
Band IV Die beschäftigungspolitische Diskussion in der Wachstumsepoche der Bundesrepublik Deutschland (1983)
Band V Makroökonomik nach Keynes (1984)
A Hans Jürgen Ramser: Perspektiven einer Neuformulierung der makroökonomischen Theorie
B Oliver Landmann: Löhne, Preise, Einkommen und Beschäftigung in der offenen Volkswirtschaft
Band VI Der Einfluss keynesianischen Denkens auf die Wachstumstheorie (1997)
Alle Bände sind von Gottfried Bombach, Hans-Jürgen Ramser und anderen herausgegeben und im Springer- Verlag (Berlin etc.) erschienen.
III Auch das nächste Jubiläum (1996 = 60 Jahre „General Theory“) bot wieder Anlass, über die aktuelle Bedeutung der „General Theory“ zu diskutieren und die Ergebnisse in Konferenzbänden zu publizieren. Insbesondere zu nennen ist Sharma, Sumitva (Hrsg.), John Maynard Keynes. Keynesianism into the Twenty-First Century. Cheltenham/Northampton (Edward Elgar) 1998. In diesem Sammelband schreiben 19 Autoren über die Kernideen der „General Theory“ und ihre heutige Relevanz. Den Tenor des Bandes bringt Thirwall durch seinen Beitrag „The Renaissance of Keynesian Economics“ zum Ausdruck.
Hervorzuheben ist auch der relativ kurze Artikel eines der führenden Monetaristen, Allan Meltzer, über „The General Theory after Sixty Years“ (Journal of Post Keynesian Economics. Vol. 19 (1996), S. 35-45). Meltzer nennt als die wichtigsten Einsichten von Keynes die Bedeutung von Unsicherheit und Erwartungen, die Entwicklung von Institutionen, die die Unsicherheit reduzieren, und die zentrale Rolle der Investitionen. Keynes’ Vorschläge zur Konjunktursteuerung hält er demgegenüber für zweitrangig, und er lehnt sie überwiegend ab.
In dieser Zeit wurde auch die tiefschürfende und ausführliche, zwei Bände umfassende, von Harcourt und Riach herausgegebene Auseinandersetzung mit der „General Theory“ unter dem Titel „A Second Edition of the General Theory“ (London & New York, Routledge,1997), publiziert. In diesem Werk legen namhafte Autoren Überlegungen für eine zweite Auflage der „General Theory“ vor. Diese Veröffentlichung wurde durch Äußerungen von Keynes angeregt, er wolle Fußnoten zu seinem Hauptwerk verfassen, wozu er aber nicht mehr kam. Wegen dieser Anknüpfung beziehen sich die meisten Beiträge auf ein bestimmtes Kapitel der „General Theory“.
IV Eine neuere Quelle zur aktuellen Interpretation der Theorie von Keynes bietet der umfangreiche, von John King herausgegebene Band „The Elgar Companion to Post Keynesian Economics“ (Cheltenham Northampton, MA, Edward Elgar, 2003), der zu Keynes und zu seiner Theorie u.a. folgende Stichwörter behandelt:
- Treatise on Probability
- Keynes’ Treatise on Money
- Cambridge Economic Tradition
- Say’s Law
- Keynes’ General Theory
- Effective Demand
- Endogenous Money
- Employment
- Wages and Labour Markets
Dieser Band enthält außerdem Stichwörter zu Varianten des Keynesianismus, die sich bei der Weiterentwicklung dieser Theorie ergeben haben (s. dazu die Rubrik „Weiterentwicklung des Keynesianismus“).
2006 erschien dann der von R. Backhaus und B. Bateman herausgegebene Band „The Cambridge Companion to Keynes“ (Cambridge, University Press), und zwar in einer langen Reihe von „Companions“, in der vor allem Philosophen von Aristoteles über Kant bis Wittgenstein und Habermas vorgestellt werden, aber auch Naturwissenschaftler (Galilei, Newton) und Sozialwissenschaftler. Von den Nationalökonomen sind bisher nur Adam Smith, John Stuart Mill, Marx und Keynes in diese Reihe aufgenommen worden.
Aus ökonomisch-theoretischer Perspektive ist in diesem Band besonders der Beitrag von Axel Leijonhufvud „Keynes as a Marshallian“ hervorzuheben, in dem die tiefe Verwurzelung von Keynes in der Theorie von Marshall betont und ihre Konsequenzen für die Interpretation von Keynes’ Theorie aufgezeigt werden.
V Einleitung von Paul Krugman zur Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von John Maynard Keynes
aus dem Englischen von Stephanie Schneider
Im Frühjahr 2005 wurde ein Gremium von „konservativen Wissenschaftlern und führenden Politikern“ gebeten, die gefährlichsten Bücher des 19ten und 20sten Jahrhunderts zu identifizieren. Sie bekommen eine Vorstellung von den Neigungen des Gremiums durch die Tatsache, dass sowohl Charles Darwin als auch Betty Friedan oben auf der Liste rangierten. Aber die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes hat es auch sehr weit gebracht. John Maynard Keynes schlägt tatsächlich V.I. Lenin und Frantz Fanon. Keynes, der im oft zitierten Schlusssatz seines Buches erklärte, dass „es früher oder später Ideen sind, nicht erworbene Rechte, von denen die Gefahr kommt, sei es zum Guten oder zum Bösen“, würde vermutlich erfreut gewesen sein.
In den letzten 70 Jahren hat die Allgemeine Theorie die Auffassung sogar jener geprägt, die nicht von ihr gehört haben oder die glauben, ihr nicht zuzustimmen. Ein Geschäftsmann, der mahnt, sinkende Zuversicht berge Risiken für die Wirtschaft birgt, ist ein Keynesianer, ob er es weiß oder nicht. Ein Politiker, der verspricht, dass seine Steuersenkungen durch das Hineinstecken von Geld zum Ausgeben in die Taschen der Leute Arbeitsplätze schaffen, ist ein Keynesianer, selbst wenn er behauptet, diese Lehrmeinung zu verabscheuen. Sogar die selbst erklärten Angebotsökonomen, die behaupten, Keynes widerlegt zu haben, greifen wieder auf unverkennbar keynesianische Geschichten zurück, um zu erklären, warum die Wirtschaft in einem bestimmten Jahr schrumpfte.
In dieser Einleitung behandle ich fünf die Allgemeine Theorie betreffende Kernpunkte. Der erste ist die Botschaft des Buches etwas, das durch das Buch selbst klar sein sollte, aber was oft verschleiert wurde von denen, die ihre Ängste und Hoffnungen auf Keynes projizieren. Der zweite ist die Frage, wie Keynes es geschafft hat: Warum hatte er, wo andere versagt haben, Erfolg dabei, die Welt davon zu überzeugen, ökonomische Ketzerei anzuerkennen? Drittens behandele ich die Frage, wie viel von der Allgemeinen Theorie in der heutigen Makroökonomie noch vorhanden ist: Sind wir nun alle Keynesianer oder haben wir entweder Keynes’ Vermächtnis verdrängt oder, wie einige sagen, verraten? Der vierte ist die Frage, was Keynes misslang und warum. Schließlich werde ich darüber sprechen, wie Keynes die Volkswirtschaftslehre und die Welt veränderte.
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