8. Can Lloyd George Do it? With H.D. Henderson, 1929 (C.W., Vol. IX, S. 88-125)
Diese Streitschrift wurde von Keynes in seine „Essays in Persuasion“ (London 1931) unter dem Titel „A Programme of Expansion (General Election, May 1929)“ in gekürzter Fassung aufgenommen (S. 118-134). Diese Fassung ist wiederabgedruckt in den Collected Writings, Vol IX, S. 88-125. Dt.: Ein Programm der Ausweitung (Allgemeine Wahlen, Mai 1929). In: Politik und Wirtschaft (s. Nr. 6), S. 184-193, sowie in Mattfeldt (s. Nr. 6) S. 117-126.
Lloyd George war der Spitzenkandidat der „Liberalen Partei“ für die Unterhauswahlen vom Mai 1929. In seinem zusammen mit H. Henderson geschriebenen Pamphlet unterstützte Keynes dessen „Entwicklungs-Programm“. Dieses Programm sah ein staatliches Programm öffentlich finanzierter Maßnahmen vor, das jährlich 100 Mio. Pfund Sterling kosten sollte und mit dem 500.000 Arbeitnehmer eine Beschäftigung finden sollten.
In Großbritannien hatte die Arbeitslosenquote in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg in jedem Jahr (außer 1924) bei oder leicht über 10 % gelegen; im April 1929 entsprach dies 1,14 Mio. Arbeitslosen. Für die Arbeitslosen wurden jährlich Unterstützungen von ca. 50 Mio. Pfund Sterling ausgegeben. Angesichts solcher Verschwendung produktiver Ressourcen befürwortete Keynes dieses Programm, und die Autoren wendeten sich gegen die zwei verbreitesten Gegenargumente:
a) Die vom Staat dafür aufgenommenen Finanzmittel verringern nur das Kapitalangebot für die Privaten.
b) Kreditfinanzierte Staatsausgaben führen nur zu Inflation.
Das erste Argument entspricht dem ominösen „Treasury View“, den der britische Schatzkanzler in seiner Budgetrede so formulierte: „Es ist die immer mit Festigkeit vertretene Lehre des Schatzamtes, dass durch Staatsverschuldung und Staatsausgaben … sehr wenig zusätzliche Beschäftigung und keine dauerhafte Beschäftigung bewirkt werden kann“ (Politik und Wirtschaft, S. 186).
Dieses Argument entbehre jedoch jeder Grundlage. Dafür spreche schon, dass es auch für kreditfinanzierte Investitionen der privaten Unternehmen gelten müsse. Folglich gäbe es keinen Weg, durch mehr Kapitaleinsatz die Arbeitslosen in Beschäftigung zu bringen.
In Wirklichkeit gebe es jedoch drei Wege, um Ersparnisse für neue, beschäftigungssteigernde Investitionen bereitzustellen:
a) Die Summen, die jetzt für die Arbeitslosenunterstützung ausgegeben werden.
b) Ersparnisse, die nicht den Weg zu Investitionen finden, weil die Banken keine entsprechenden Investitionskredite vergeben.
c) Ersparnisse, die bislang für Auslandskredite verwendet werden.
In der detaillierten Beweisführung zu (b) betonen Keynes/Henderson den Unterschied zwischen Sparen und Investitionen: „Ein Land wird nicht durch die rein negative Handlung einer Person, nicht alles Einkommen für den laufenden Verbrauch auszugeben, bereichert. Bereichert wird es durch die positive Tat des Gebrauchs dieser Ersparnisse zur Vermehrung der Kapitalausrüstungen des Landes“ (ebenda, S. 191). Hiermit wenden sie sich gegen die auch damals weit verbreitete Gleichsetzung von Sparen und Investieren sowie von Sparern und Investoren, obwohl diese zumeist unterschiedliche Personen sind.
Gegen das zweite Argument, kreditfinanzierte Staatsausgaben führten nur zu Inflation, erwidern Keynes/Henderson, dies gelte erst, wenn in einer Phase der Hochkonjunktur Vollbeschäftigung fast oder ganz erreicht sei, nicht aber bei Unterbeschäftigung. Diese wichtige Unterscheidung zwischen der Situation der Vollbeschäftigung und der Unterbeschäftigung findet sich also bereits hier. Die herrschende Theorie ging dagegen seit Ricardo, der laut Keynes (Allgemeine Theorie, S. 27) „England so vollständig erobert (hat) wie die heilige Inquisition Spanien“, stillschweigend von einer Situation der Vollbeschäftigung aus.
Die Unterstützung durch Keynes’ Pamphlet half George Lloyd wenig. Die Wahlen gewann die Labour Party, die der Arbeitslosigkeit und vor allem der im Herbst 1929 ausbrechenden Weltwirtschaftskrise hilflos gegenüber stand. Der Premierminister MacDonald trat zwei Jahre später zurück und bildete eine Koalitionsregierung aller drei Parteien, die wie in Deutschland Reichskanzler Brüning mit Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen den Staatshaushalt auszugleichen versuchte, stattdessen aber nur die Krise verschärfte.