7. The End of Laissez-faire, 1926 (C.W., Vol. IX, S. 272-294)
Dt.: Das Ende des Laissez-Faire. München 1926. Wiederabgedruckt in Mattfeld (s. Nr. 6), S. 96-116
Peter Kalmbach(Uni Bremen)
Der Essay The End of Laissez-faire von John Maynard Keynes, der in der Gesamtausgabe 23 Seiten umfasst, erschien im Juli 1926 als Broschüre in der Hogarth Press und ebenfalls 1926 in deutscher Sprache unter dem Titel Das Ende des Laissez-Faire, Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft im Verlag Duncker und Humblot. Eine stark gekürzte Version ist in den 1931 erschienenen Essays in Persuasion enthalten. Die Veröffentlichungen basieren auf Vorlesungen, die Keynes im November 1924 in Oxford und im Juni 1926 an der Berliner Universität gegeben hat.
Angesichts des Titels des Essays und in Kenntnis der dann später von Keynes entwickelten Theorie wird ein heutiger Leser vermuten, dass es dem Autor darum geht, den Nachweis zu liefern, dass der Manchesterkapitalismus und das mit diesem häufig verbundene Schlagwort vom laissez-faire nach dem Ende des 1. Weltkriegs ausgespielt haben bzw. historisch bedeutungslos geworden sind. Obwohl sich diese Vermutung schließlich nicht als ganz falsch erweist, wird dem Leser erst einmal ganz anderes geboten. Keynes philosophisch gebildeter als der Großteil heutiger Ökonomen befasst sich zunächst mit der Ideengeschichte von Individualismus und Liberalismus. Knapp und lakonisch werden die Entwürfe von Hume und Locke dargestellt - und diesen die durchaus andersartigen von Rousseau und Bentham gegenüber gestellt. Die Vereinigung der höchst verschiedenartigen Ansätze wird als das Werk der frühen 19. Jahrhunderts angesehen: "Der Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vollbrachte diese wundersame Einigung. Sie brachte den konservativen Individualismus von Locke, Hume, Johnson und Burke in Einklang mit dem Sozialismus und der demokratischen Gleichheitslehre von Rousseau, Paley, Bentham und Godwin" (Keynes 1926, S. 8). Angereichert wurde diese Mixtur schließlich noch mit darwinistischen Ideen. All die verschiedenen Ansätze schienen das Gleiche zu predigen: Individualismus und laissez-faire.
Keynes zufolge lautet die philosophische Doktrin des Individualismus, dass die Regierung kein Recht habe zu intervenieren, die weltanschauliche, dass es dafür keine Notwendigkeit gebe. Ökonomen sind insoweit noch nicht im Spiel. Ihnen kommt schließlich die wesentliche Aufgabe zu, den wissenschaftlichen Nachweis zu erbringen, dass eine staatliche Einmischung ganz unzweckmäßig ist. Entgegen einer häufig geäußerten Ansicht sind es aber nicht Ökonomen, die den Begriff des laissez-faire erfunden haben. Man findet diesen Begriff z.B. nicht bei Smith, Ricardo oder Malthus. Auch die Physiokraten, denen der Begriff oft zugeschrieben wird, haben ihn nicht erfunden. Als Schöpfer dieser Bezeichnung wird vielmehr der Marquis d'Argenson genannt, der - in einer anonym erschienenen Schrift diesen Begriff als erster 1751 benutzt zu haben scheint.
Die Herkunft des Begriffs laissez-faire aufzuzeigen sowie die philosophischen und weltanschaulichen Hintergründe darzustellen, ist jedoch nur ein Teil der von Keynes verfolgten Absicht (die in den Essays in Persuasion dann vollkommen unter den Tisch fällt). Als nächstes geht es ihm auch um den Nachweis, dass "sich die Schlussfolgerung, daß der größte Reichtum durch die ungehinderte, egoistische Tätigkeit der Individuen erzeugt werde, auf viele unrichtige Voraussetzungen stützt" (Keynes 1926, S. 24). Angeführt werden in diesem Zusammenhang einige der uns heute wohlbekannten Sachverhalte, die verhindern, dass ein Wohlfahrtsoptimum erreicht wird. Dabei wird interessanterweise auch der Informationsaspekt angesprochen. Unter den sechs angesprochenen "Komplikationen" besteht eine darin, dass "Unkenntnis vorherrscht" (Keynes 1926, S. 25).
Keynes politische Botschaft kommt erst in den Kapiteln IV und V (in der deutschen Version sind das die Kapitel III und IV) zur Sprache. Nur diese sind von ihm dann in die 1931 erschienenen Essays in Persuasion aufgenommen worden (Band IX der CW trägt zwar ebenfalls diesen Titel, enthält aber die vollständige Version des Essays). Um seine Position zu erläutern, übernimmt er von Bentham die Unterscheidung zwischen der Agenda und der Non-Agenda des Staats. Dabei macht er deutlich, dass es ihm nicht darum geht, bisher von Privaten wahrgenommene Aufgaben auf den Staat zu übertragen (in diesem Zusammenhang macht er deutlich, dass er die Verstaatlichung der britischen Eisenbahnen für ein ökonomisch vollkommen irrelevantes Problem hält). Bei dem, was ihm zufolge vom Staat geleistet werden muss, geht es vielmehr um "jene Funktionen, die über den Wirkungskreis des Individuums hinausgehen, jene Entscheidungen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft" (Keynes 1926, S. 35).
Dabei ist Keynes keineswegs ein Freund zentralistischer Lösungen. Er plädiert in diesem Zusammenhang für halb-autonome Körperschaften, die zwar letztlich der Kontrolle des Parlaments unterliegen, aber unter normalen Umständen doch einen hohen Grad an Autonomie aufweisen sollen.
Solche halb-autonome Körperschaften müssen Keynes zufolge nicht erst neu entwickelt werden. Er verweist auf Universitäten, die Bank von England und den Londoner Hafen als Beispiele dafür, dass sich solche Formen bereits herausgebildet haben oder jedenfalls Annäherungen daran stattfinden. Eine solche Tendenz sieht er aber auch ganz allgemein bei Aktiengesellschaften: "Eine der wenigst bemerkten und interessantesten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ist die Tendenz der Großunternehmen, sich selbst zu sozialisieren" (Keynes 1926, S. 32). Keynes nimmt hier Auffassungen vorweg, die später unter Stichworten wie "managerial capitalism" oder "new industrial state" diskutiert werden sollten. Im Kern geht es dabei darum, ob sich aus der Trennung von Eigentum und Leitung, wie das für die Kapitalgesellschaft typisch ist, ein neuer und qualitativ ganz anderer Kapitalismus ergibt. Keynes glaubte, solche Tendenzen erkennen zu können. Aus heutiger Sicht und angesichts der vielfach zu beobachtenden Orientierung der Vorstände von Kapitalgesellschaften am shareholder value wird man diesbezüglich zu einer zurückhaltenderen Einschätzung gelangen.
Konkret werden von Keynes folgende Vorschläge gemacht: Kontrolle von Währung und Kredit durch eine zentrale Institution, Publizität der relevanten Geschäftsinformationen, öffentliche Einflussnahme auf Höhe von Sparen und Investieren sowie auf den Anteil von Auslandsinvestitionen sowie Einflussnahme auf die Bevölkerungsentwicklung.
Literatur
Keynes, J. M. (1926), Das Ende des Laissez-Faire, Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft, München und Leipzig.
Keynes, J. M. (1931), Essays in Persuasion, London.
Keynes, J. M. (1972), Essays in Persuasion, in: The Collected Writings of John Maynard Keynes, Vol. IX, London u. a., S. 272 294.
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