Keynes Lebenslauf (Kurzbiographie)

Kurzlebenslauf von John Maynard Keynes

John Maynard Keynes wurde 1883 als Sohn eines bekannten britischen Nationalökonomen in Cambridge/England geboren. Er besuchte die renommierte Privatschule in Eton und studierte Mathematik, Geschichte und Philosophie an der Universität Cambridge. Im Rahmen seines Studiums hörte er auch Ökonomie bei Alfred Marshall, dem renommiertesten Nationalökonomen seiner Zeit. Seine Prüfung schloss er als zweitbester seines Jahrgangs ab. Nach seinem Examen arbeitete er von 1906-1909 im britischen Schatzamt (Finanzministerium), anschließend am King’s College in Cambridge. Dank seiner weit gespannten Interessen und Freundschaften wurde er Mitglied der Bloomsbury-Gruppe, in der sich jüngere Politiker, Literaten und Künstler regelmäßig trafen, darunter die Schriftstellerin Virginia Woolf. 1911 wurde er Herausgeber des Economic Journal, der wichtigsten ökonomischen Fachzeitschrift.

Während des ersten Weltkriegs beriet Keynes die Regierung in Fragen der Kriegsfinanzierung und war 1919 Mitglied der britischen Delegation bei den Friedensgesprächen in Versailles. Mit den Bestimmungen des Versailler Vertrags war er überhaupt nicht einverstanden. Deshalb schied er dort aus und schrieb 1919 in wenigen Monaten das Buch „Die ökonomischen Konsequenzen des Friedensvertrages“, das ihn mit einem Schlag in der ganzen Welt bekannt machte. Zurückgekehrt in die akademische Welt veröffentlichte Keynes eine „Abhandlung über Wahrscheinlichkeit“. Vor allem aber beteiligte er sich intensiv an der wirtschaftspolitischen Diskussion in England; so kämpfte er gegen die 1925 von Churchill durchgesetzte Rückkehr Englands zum Goldstandard zu einem Wechselkurs, der die Konkurrenzfähigkeit Englands gefährdete. Außerdem schrieb er in dieser Zeit sein zweibändiges Werk „Vom Gelde“, mit dem er sich 1930 als Geldtheoretiker etablierte, heiratete eine russische Ballerina, die er über die Bloomsbury-Gruppe kennen gelernt hatte, gründete den „British Arts Council“ und verwaltete die Finanzen des King’s College und das „Sadlers Wells Ballet“, nachdem er schon lange Jahre erfolgreich an der Börse spekuliert hatte.

1929 brach die Weltwirtschaftskrise aus. Keynes erkannte bald, dass er in seiner Abhandlung „Vom Gelde“ viel zu sehr der traditionellen Theorie gefolgt war, in der die Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft gegeben ist und Arbeitslosigkeit nur ein vorübergehendes Phänomen sein kann. Unterstützt von einem Kreis junger Ökonomen entwarf er eine Theorie der Gesamtproduktion und der Gesamtbeschäftigung, die er in seinem Hauptwerk, der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ 1936 veröffentlichte. Dieses Werk bot eine völlig neue Sichtweise und zeigte, dass bei Unterbeschäftigung Produktion und Beschäftigung in einer Volkswirtschaft durch die Nachfrage nach Gütern begrenzt wird, während ihre von der herrschenden Theorie betonte Begrenzung durch die vorhandenen Ressourcen und ihren effizienten Einsatz nur bei Vollbeschäftigung gilt. Für die Bestimmung der Güternachfrage sind die Kreislaufzusammenhänge zentral, und für die Investitionsentscheidungen spielen die Unsicherheit der Zukunft und die Erwartungen eine viel größere Rolle als in der herrschenden Theorie angenommen. Außerdem erhält die Geld- und Fiskalpolitik einen hohen Stellenwert. Diese „Keynes’sche Revolution“ stieß weltweit auf große Resonanz, die zwischen enthusiastischer Zustimmung und schroffer Ablehnung variierte, und bestimmte für Jahrzehnte die Diskussion über gesamtwirtschaftliche Fragen.

Während des zweiten Weltkriegs, in dem Vollbeschäftigung herrschte und alle Güter knapp waren und wo er wieder die Regierung in Fragen der Kriegsfinanzierung beriet, entwickelte Keynes 1940 eine neue Inflationstheorie. In den späteren Kriegsjahren leitete Keynes die englische Delegation bei den Verhandlungen in Bretton Woods über eine neue Weltwährungsordnung sowie die damit verbundene Regelung der englischen Kriegsverschuldung gegenüber den USA. Seinen weit reichenden Plan konnte er jedoch gegen die Amerikaner nicht durchsetzen.

Schon 1937 erlitt Keynes einen schweren Herzanfall und erlag 1946 einem Herzschlag. Er war inzwischen geadelt und wurde hoch geehrt in der Westminster Abbey beigesetzt.


Tabellarischer Lebenslauf

1883 1883 wird John Maynard Keynes in Cambridge (England) geboren als Sohn des Ökonomieprofessors John Neville Keynes, der besonders durch sein Buch über Methoden der Ökonomie bekannt ist.
1897 beginnt Keynes die Privatschule in Eton zu besuchen
1902 Studium der Philosophie, der Geschichte und der Mathematik am King’s College in Cambridge
1905 Examen in Mathematik, zugleich vertieftes Studium der Ökonomie in Cambridge
1906 Anstellung beim India Office der britischen Regierung bis 1908;
1913 veröffentlicht Keynes auf der Grundlage seiner dortigen Erfahrungen und Tätigkeiten das Buch “Indian Currency and Finance“ (siehe Monographien Nr.1)
1907 Keynes kommt in engeren Kontakt zu dem Bloomsbury Circle um die Schriftstellerin Virginia Woolf
1908 kehrt Keynes an die Universität zurück und wird zunächst Lecturer, im Jahr darauf Fellow (Dozent) am King’s College, Cambridge
1911 wird Keynes zum Herausgeber des Economic Journal gewählt, der führenden ökonomischen Zeitschrift in England. Diese Aufgabe behält Keynes bis 1945 bei.
1913 wird Keynes Mitglied der Royal Commission on Indian Finance and Currency
1914 wird er Berater des Schatzministeriums (Treasury); u.a. und zuständig für Fragen der Finanzierung der Kriegslasten
1919 nimmt Keynes als Vertreter des Schatzministeriums an den Friedensverhandlungen in Paris/Versailles teil. Wegen der ökonomisch unverantwortlichen Reparationsvereinbarungen tritt Keynes von dieser Aufgabe zurück und veröffentlicht
1919 sein Buch “The Economic Consequences of the Peace” (siehe Monographie Nr.2). Durch diese Veröffentlichung wird Keynes schlagartig weltweit bekannt.
1925 heiratet Keynes die russische Ballerina Lydia Lopokova
1925 Keynes engagiert sich gegen die Rückkehr Großbritanniens zum Goldstandard und schreibt, nachdem Churchill diese Rückkehr zu dem überhöhten Vorkriegskurs vollzogen hat, den Aufsatz The Economic Consequences of Mr. Churchill
1930 Aufgrund seiner künstlerischen Interessen und seines Finanzierungstalents wird Keynes Kurator der National Gallery. Außerdem verwaltet er nicht nur die Finanzen des King’s College, sondern auch des Sadler’s Wells Ballet, des späteren Royal Ballet
1930 veröffentlicht Keynes ein umfangreiches Werk in 2 Bänden “A Treatise on Money“ (siehe Monographien Nr.9). Unmittelbar nach dessen Erscheinen beginnt Keynes, umgeben von einer Schar junger Ökonomen („The Circus“), zu denen Joan Robinson u.a. gehörten, die überkommene Theorie zu bezweifeln, weil sie es versäumt, die Höhe des tatsächlichen Sozialprodukts zu bestimmen und stattdessen von der Tendenz zu einem Vollbeschäftigungseinkommen ausgeht. Sein „long struggle of escape“ aus den herkömmlichen Denkschemata kulminiert
1936 in seinem Hauptwerk “The General Theory of Employment, Interest and Money” (siehe die entsprechende Rubrik)
1937 Herzattacke und schwere Krankheit
1940 wird Keynes Mitglied des Beraterstabes des Schatzministeriums und im anschließenden Jahr Direktoriumsmitglied der Bank of England
1942 wird Keynes als Lord Keynes of Tilton in den Adelsstand erhoben und da- mit Mitglied des House of Lords
1944 Keynes leitet die britische Delegation bei der Konferenz von Bretton Woods zur Errichtung eines neuen Weltwährungssytems
1945 wird Keynes Vorsitzender des britischen Arts Council
1946 stirbt Keynes am 21. April mit noch nicht ganz 63 Jahren an Herzversagen

Biographien über Keynes’ Leben und Werk

Über das Leben von Keynes und sein Lebenswerk sind mehrere Biographien geschrieben worden, die sein Leben und Werk als Einheit behandeln. Ihr Umfang ist sehr unterschiedlich.

1. Für den Einstieg seien zunächst einige kürzere Darstellungen genannt:

a) Blomert, Reinhard: John Maynard Keynes, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt-Verlag) 2007. Auf rund 140 Seiten berichtet Bohmert knapp und anschaulich über das vielseitige Leben und Werk – angereichert durch einige Photographien.

b) Eine etwas kürzere, ziemlich enthusiastische Darstellung von Keynes' Leben und Werk findet man auf ungefähr 40 Seiten in dem Abschnitt IX "The Heresies of John Maynard Keynes" des Buches von Robert Heilbroner: The Wordly Philosophers: The Lives, Times, and Ideas of the Great Economic Thinkers. Von diesem Buch ist die 6. Auflage 1999 als Taschenbuch erschienen (Touchstone Books).

c) Eine weitere sehr lesenswerte Darstellung bietet:
Mark Blaug: John Maynard Keynes: Life, Ideas, Legacy, Basingstoke und London (Macmillan), 1990. Dieser schmale Band (ca. 90 Seiten) enthält neben den Abschnitten “Life”, “The Ideas” und „The Keynesian Revolution“ einen langen, höchst interessanten Abschnitt „The Legacy: Talking to Leading Economists about Keynes“, in dem Blaug Interviews mit herausragenden Ökonomen wie Samuelson, Friedman und Frank Hahn wiedergibt. Außerdem sind in dem Band einige gelungene Karikaturen und Photos abgedruckt und bietet überwiegend eine sehr anschauliche Lektüre.


2. Die beiden wichtigsten und ausführlichsten Biographien stammen von:

a) Moggridge, Donald (1992), Maynard Keynes. An Economists’ Biography. London (Routledge).

Die Biographie von Moggridge ist mit 837 Seiten plus Registeranhänge sehr umfangreich berichtet auch über das private Leben von Keynes ausführlich. Moggridge ist zugleich einer der profundesten Kenner des Werkes von Keynes. Er hat zusammen mit Austin Robinson „The Collected Writings of John Maynard Keynes“ in 30 Bänden von 1971 bis 1989 herausgegeben, davon viele Bände als Alleinherausgeber.

b) Skidelsky, Robert: John Maynard Keynes, A Biography. London (Macmillan). In 3 Bänden (1983-2000 erschienen) mit ca. 1.800 Seiten, (auch als Paperback erhältlich), ist sie die umfangreichste.

Mit den Biographien von Moggridge und Skidelsky (nur Band 1 und 2) setzt sich Mark Blaug in seiner Buchbesprechung „Recent Biographies of Keynes“ (Journal of Economic Literature, Vol. 32, 1994, S.1204- 1215) ausführlich auseinander.

Einen weiteren Besprechungsaufsatz hat (ebenfalls 1994) Sidney Pollard über die Biographien von Moggridge und Skidelsky geschrieben, in dem man wichtige und aufschlussreiche Betrachtungen über Keynes’ Charakter und Werk lesen kann (New Light on an Old Master. The Economic Journal, Vol. 104, 1994, S. 138-153).

Skidelsky’s Darstellung der Jahre 1937-1946 in Band 3 seiner Biographie (John Maynard Keynes 1937-1946: Fighting for Britain, London, Macmillan, 2000) wird ausführlich in einem Besprechungsaufsatz von David Vines mit dem Titel „John Maynard Keynes 1937-1946: The Creation of International Macroeconomics’“ (The Economic Journal, Vol. 113, 2003, S.F338-F361) gewürdigt. Vines wendet sich gegen den Tenor der Biographie von Skidelsky, Keynes darzustellen „as the war hero who lost the financial war against the U.S.“. Dabei würden die Verdienste von Keynes bei der Herausarbeitung einer internationalen Makroökonomie, die Vines ausführlich belegt, zu wenig gewürdigt.


3. Zwei ältere Biographien stammen von:

Harrod, Roy (1951), The Life of John Maynard Keynes. London (Macmillan)
Harrod und Keynes haben jahrzehntelang zusammengearbeitet und diskutiert.

Harris, Seymour (1955), John Maynard Keynes. New York (Skribner)


4. Nicht zu empfehlen ist eine weitere Biographie:

Hession, C.H. (1983), John Maynard Keynes: A Personal Biography of the Man Who Revolutionized Capitalism and the Way we Live. New York (Macmillan)
Mark Blaug sagt in seinem in Abschnitt 2 zitierten Aufsatz, dieses Buch sei voller falscher Behauptungen über eigentlich unstrittige Fakten, sodass es für seriöse Historiker ausscheide.

5. Das ungebrochene Interesse an der Persönlichkeit und dem Lebenswerk von Keynes schlägt sich in immer neuen Publikationen nieder.

a) 2006 erschien der von Roger Backhaus/Bradley Batmann herausgegebene “Cambridge Companion to Keynes” (Cambridge, University Press) mit 15 Aufsätzen, die sich mit den unterschiedlichsten Aspekten von Keynes’ Leben und Werk sowie seinen Auswirkungen beschäftigen.

b) Nur ein Jahr älter ist das Buch von Bruno Ventelou: Millennial Keynes. An Introduction to the Origin, Development, and Later Currents of Keynesian Thought. Übersetzt aus dem Französischen (Lire Keynes et le comprendre) Armonk/NY (M.E.Sharpe) 2005.

Auffallend an diesem Buch ist:

• Ein polemisches Anti-Bush-Vorwort von Gregory Nowell
• Seine weit ausholende Darstellung (einschließlich Treatise on Probability!)
• Falsche Aussagen zur “General Theory”. So behauptet der Autor (S. 140f): Voraussetzung der Analyse von Keynes seien rigide Löhne

Insgesamt ist das Buch daher weniger empfehlenswert.


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