Strömungen des Keynesianismus
Die auf Keynes aufbauende oder zumindest von ihm ausgehende makroökonomische Theorie hat sich stark ausdifferenziert. Wie in der Rubrik „Von der neoklassischen Synthese zur AS/AD-Analyse“ beschrieben, haben sich viele Autoren dabei von der Theorie von Keynes weit entfernt und seine zentralen Ergebnisse neoklassisch umgedeutet und verfälscht, ihre Position aber dennoch als „keynesianisch“ bezeichnet. Diese „Fehlentwicklung“ wird nicht hier beschrieben, sondern in der Rubrik „Neoklassische Uminterpretationen“, um deutlich zu machen, dass für sie die Bezeichnung „neoklassische Theorie unter Verwendung des keynesi-anischen Instrumentariums“ treffender wäre. Joan Robinson (1971, S. 30) nennt in ihrem Buch „Economic Heresies. Some Old Fashioned Questions in Economic Theory” die neoklas-sische Synthese verächtlich „Bastardkeynesianismus“.I. Die Postkeynesianer
Die Umdeutung der Theorien von Keynes durch die neoklassische Synthese unter Beibehal-tung der Bezeichnung „Keynesianische Theorie“ oder „Keynesianismus“ hat viele Opponen-ten dieser Entwicklung veranlasst, sich vom so verstandenen Keynesianismus auch dadurch deutlich abzusetzen, dass sie sich als Postkeynesianer bezeichnen oder bezeichnen lassen. Die Kritik vieler Mitglieder dieser sehr heterogenen Gruppe richtet sich jedoch nicht nur gegen die neoklassische Vereinnahmung, sondern auch gegen diejenigen Keynesianer, die bei ihrer Arbeit mit keynesianischen Modellen und Modellbausteinen die Beziehungen zwischen den Kreislaufaggregaten als stabil und vorhersehbar betrachten. Diese Annahme einer zeitlichen Stabilität hat den Vorteil, dass man mit solchen, empirisch unterfütterten Modellen Prognosen über die künftige Entwicklung erstellen kann, die bei der wirtschaftspolitischen Beratung eine wichtige Rolle spielen. Die mit Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik beauftragten Institutio-nen haben ein großes Interesse an solchen Prognosen, um rechtzeitig Handlungsbedarf erken-nen zu können.
Der Nachteil solcher Prognosemodelle besteht jedoch aus der Sicht vieler Postkeynesianer darin, dass sie die von Keynes so stark betonte Unsicherheit der Zukunft stark in den Hinter-grund treten lassen. Dies werde auch nicht dadurch geheilt, dass keine Punktprognose formu-liert (z.B. BIP-Wachstum 3,1 %), sondern nur ein Korridor angegeben wird, in dem sich die prognostizierte Größe bewegen dürfte (viele Nutzer verwenden dann einfach den mittleren Wert im Korridor). Vielmehr sei der Gegensatz grundsätzlicher Natur.
Keynesianer, die deshalb die Prognosemodelle, aber auch die dahinter stehende Vorstellung stabiler Zusammenhänge und dominierender Gleichgewichtstendenzen ablehnen, werden seit Coddingtons Artikel „Keynesian Economics. The Search for First Principles“ aus dem Jahre 1976 als „Fundamentalistische Keynesianer“, von anderen auch als „Radikale Postkeynesia-ner“ bezeichnet; sie bilden eine Untergruppe der Postkeynesianer.
Postkeynesianer betonen, dass sie die essentiellen Postulate von Keynes teilen. So schreibt King in der Einleitung seines „Elgar Compendiums to Post Keynesian Economics” (2003, S. XIV):
„Stripped down to the bare essentials, Post Keynesian rests on the principle of effective demand: in capitalist economies, output and employment are normally constrained by aggregate demand, not by individual supply behaviour. Since a decision not to have lunch today as Keynes famously put it does not entail a decision to have lunch tomorrow, investment drives saving and not the other way round. Moreover, there exists no automatic or even minimally reliable mechanism that will eliminate excess capacity and involuntary unemployment. Interest rates depend on monetary considerations, not on the so-called ‘real’ forces of productivity and thrift. There is no ‘natural rate of interest’ to equilibrate investment and saving, so that an increase in the propensity to save will prove self-defeating, resulting in lower output and reduced employment but not in higher levels of saving.”
Wenn man dann allerdings bei King liest, was die Postkeynesianer ablehnen, zeigt sich, dass sie sich unnötig weit vom Keynesianismus abgrenzen. Sie seien sich nämlich einig, sagt King,
„in denying the validity of the neoclassical synthesis and in rejecting the IS/LM model, the real balance effect and the notation of the long run as a sort of magic kingdom where the future is knowable (at least probabilistically), expectations are always fulfilled, money has no real significance and all resources are fully employed.“ (ebenda).
Klar ist, dass die Postkeynesianer die neoklassische Synthese (einschließlich des real balance-effect) und die von King beschriebene Langfristidylle ablehnen; aber mit dem Zurückweisen des IS/LM-Modells bringen sie sich selbst ins Abseits: Abzulehnen ist der Missbrauch des IS/LM-Modells durch die neoklassische Synthese, aber nicht das Modell selbst! Es muss stattdessen dafür gekämpft werden, dass es richtig, d.h. im Sinne von Keynes, interpretiert wird.
Bei der Betonung der Unsicherheit der Zukunft und der schwankenden Erwartungen können die Postkeynesianer sich auf das Kapitel 12 der „General Theory“ sowie Keynes’ Aufsatz „The General Theory of Employment (1937, siehe die Rubrik „Ausgewählte Aufsätze“) stüt-zen. Es ist jedoch schwierig, auf diese Elemente eine überzeugendere Theorie aufzubauen. Deshalb bleibt die Kritik an dieser Stelle meist destruktiv. Auf der anderen Seite haben die Postkeynesianer viele konstruktive Beiträge auf Gebieten geliefert, die von Keynes nicht be-handelt worden sind und daher eine Anwendung seiner Analysemethode auf weitere Frage-stellungen darstellen. Geoffrey Harcourt (2006) hat in seinem Buch “The Structure of Post-Keynesian Economics. The Core Contributions of the Pioneers“ in übersichtlicher Weise die konstruktiven Beiträge der Postkeynesianer dargestellt. Dabei handele es sich vor allem um:
• Theorien über die Verteilung des Volkseinkommens auf die Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital) und auf soziale Gruppen (Unternehmen, Arbeitnehmer etc.),
• eine realistische Preistheorie (Preisbildung durch Zuschlagskalkulation: mark-up pri-cing),
• Theorien über Kapitalakkumulation und wirtschaftliches Wachstum,
• Theorien über die Endogenität des Geldes.
Die postkeynesianischen Beiträge zu diesen genannten Theoriegebieten werden in den nach-folgenden Unterrubriken dargestellt (werden). Bei weitem nicht alle Autoren, die dazu beige-tragen haben, haben sich als Postkeynesianer bezeichnet, und die eindeutigen Postkeynesianer bauen oft ganz „traditionelle“ keynesianische Modelle.
Die wichtigsten Autoren unter den Postkeynesianern sind Nicholas Kaldor (1908-1986) und Joan Robinson (1903-1983). Harcourt zieht jedoch auch „dissenting economist“ also Öko-nomen, die sich von mainstream distanzieren in seine Darstellung ein und behandelt auch Beiträge von Richard Kahn (1905-1989), Michael Kalecki (1899-1970) und Piero Sraffa (1898-1983), von denen der erste immer in Cambridge arbeitete und die anderen, nachdem sie ihr Heimatland verlassen mussten. Über alle diese „pioneers“ hat er im Anhang seines Buches biographische Kurzessays geschrieben. Erstaunlicherweise erwähnt Harcourt Paul Davidson nur ganz am Rande, obwohl dieser US-amerikanische Ökonom das „Journal of Post Keynesi-an Economics“ herausgibt, von dem jetzt der 29. Jahrgang erscheint, und als der prominentes-te US-amerikanische Postkeynesianer gilt.
2. New Keynesian Economics-Neu-Keynesianismus
Diese makroökonomische Strömung häufig mit der Abkürzung „NKE“ bezeichnet wurde in den USA zu Beginn der 1990er Jahre von Mankiw/Romer (1991) in ihrem zweibändigen Sammelwerk „New Keynesian Economics“ umfassend präsentiert und dabei zugleich als „neu“ und als „keynesianisch“ bezeichnet. Sie ist als Gegenentwurf zu der zeitweise in den USA sehr verbreiteten „Neuen Klassischen Makroökonomie“ zu verstehen; diese hatte vor allem die walrasianische Theorie wiederbelebt. In dieser konträr zu Keynes’ Theorie ste-henden Theorie lösen sich alle makroökonomischen Probleme von selbst. Die Koordinie-rung der Entscheidungen von Anbietern und Nachfragern erfolgt auf allen Märkten über einen fiktiven „Auktionator“ (den es in der Realität nur an organisierten Wertpapier-, Devisen- und Rohstoffbörsen gibt), sodass überall Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Dies wird auch für den Arbeitsmarkt behauptet. Daher kann es Arbeitslosigkeit nur aus strukturell bedingten Anpassungshemmnissen der an exogene Änderungen (Schocks) geben, aber nicht wegen eines generellen Mangels an Güternachfrage. Folglich können Schwankungen in der gesamt-wirtschaftlichen Nachfrage auch keinen Einfluss auf Produktion und Beschäftigung haben: Der reale Sektor ist von nominalen Größen unabhängig („klassische Dichtomie“).
Von diesem walrasianischen Ansatz distanziert sich inzwischen sogar der Nobelpreisträger Edmund Phelps (2007) in seinem Artikel „Macroeconomics for a Modern Economy“ mit der Aussage (S.545): „Walras’ deus ex machina, the economy-wide auctioneer, is inapplicable to a modern economy in which much activity is driven by innovation…”
Auch Mankiw/Romer setzen sich von dieser walrasianisch-klassischen Position deutlich ab, wenn sie in die „New Keynesian Economics“ alle Autoren einbeziehen, die folgende Fragen mit „Ja“ beantworten (1991, S. 2):
„Does the theory violate the classical dichotomy? Does it posit that fluctuations in nominal variables like the money supply influence fluctuations in real variables like output and employment? Does the theory assume that real market imperfections in the economy are crucial for understanding economic fluctuations? Are such considerations as imperfect competition, imperfect information, and rigidity in relative prices central to the theory?
Wer diese Fragen bejaht, ist eindeutig kein Anhänger der Neuen Klassischen Makroökono-mie. Aber ist seine Theorie dadurch bereits keynesianisch? Problematisch sind in diesem Zu-sammenhang die Begründungen, die Mankiw/Romer dafür geben, dass sie die ausgewählten Fragen mit „Ja“ beantworten:
“The classical dichotomy fails because prices are sticky. Real imperfections are crucial because imperfect competition and rigidity in relative prices are central to understanding why prices are sticky.” (ebenda).
Ihre Argumentation stellt also voll auf die Starrheit von Preisen (und Löhnen) ab. Das aber widerspricht der zentralen These von Keynes, wonach flexible Löhne und Preise dann nicht zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage führen, wenn die effektive Nachfrage trotz dieser Flexibilität geringer bleibt als die Produktion, die bei Vollbeschäftigung möglich wäre. Dazu findet sich eine ausführliche Kritik an der NKE bei Hartwig (2003).
Die zentrale These von Keynes wird missachtet, wenn die Mengeneffekte von Nachfrage-schwankungen ausschließlich auf rigide Preise und Löhne zurückgeführt werden, was Ball/Mankiw/Romer schon 1988 (S. 1) taten:
„According to the Keynesian view, fluctuations in output arise largely from fluctuations in nominal aggregate demand. These fluctuations have real effects because nominal wages and prices are rigid.”
Aus diesem Satz folgt völlig konträr zu Keynes die altbekannte walrasianisch fundierte Posi-tion: Wären Preise und Löhne voll flexibel, gäbe es keine Schwankungen von Produktion und Beschäftigung; vielmehr tendiert das Wirtschaftssystem immer zur Vollbeschäftigung aller Ressourcen. Diese Position entspricht auch dem Ergebnis der neoklassischen Synthese und zugleich dem Ergebnis einer (unkritischen) Analyse mithilfe des AS/AD- Diagramms, (siehe Rubrik „Neoklassische Synthese-AD/AS-Analyse“), das im Rahmen der NKE häufig ver-wendet wird.
Möglicherweise leiten die Vertreter der NKE ihre Vorstellung, ihre Theorien seien keynesia-nisch, daraus ab, dass sie die Arbeitslosigkeit nicht durch den isolierten Arbeitsmarkt erklä-ren, sondern durch die Schwankungen der nominalen Nachfrage in Verbindung mit nomina-len Rigiditäten (In der Neoklassik dagegen war es der Reallohn, dessen falsche Höhe oder Rigidität die Arbeitslosigkeit verursachte). Dies ist sicherlich ein wichtiger Schritt in Rich-tung Keynes. Aber es reicht nicht aus, um das Adjektiv „keynesianisch“ zu rechtfertigen. Das betont auch James Tobin (1917-2002), der führende US-amerikanische Keynesianer, der sich in seinem Artikel „Price Flexibility and Output Stability: An Old Keynesian View“ (1993, S. 46) deutlich von der NKE abgesetzt:
„Keynesian macroeconomics neither asserts nor requires nominal wages and/or price rigidity. It does assert and require that markets not be instantaneously and continuously cleared by prices. That is a much less restrictive assumption, and much less controversial… The central Keynesian proposition is not nominal price rigidity but the principle of effective demand.”
Ferner bezweifelt Tobin, dass man die Schwankungen der Nachfrage als rein nominal inter-pretiereren kann, so dass sie durch Preissenkungen stets aufgegangen werden können. Vielmehr gelte (1993, S.47):
„In Keynesian business cycle theory, the shocks generating fluctuations are generally shifts in real aggregate demand for goods and services, notably in capital investment. Keynes would be appalled to see his cycle model described as one in which fluctuations in output arise largely from fluctuations in nominal aggregate demand.”
Wenn zum Beispiel ein Unternehmer wegen verschlechterter Absatzerwartungen auf ein ge-plantes Investitionsprojekt verzichtet, dann kann dieser reale Nachfragerückgang auch durch eine zehn prozentige Preissenkung der ursprünglich zur Anschaffung vorgesehenen Maschi-nen und Anlagen nicht verhindert werden.
Tobin erinnert auch daran, dass Keynes über die möglichen destabilisierenden Wirkungen flexibler Preise und Löhne besorgt war und deswegen stabile Preis und Löhne für wün-schenswert hielt. Die möglichen destabilisierenden Effekte betonen auch Green-wald/Stiglitz(1993), die sich selber der NKE zuordnen, das Problem der Rigidität von Löhnen und Preisen jedoch weder für das zentrale Problem halten noch von der Flexibilität dieser Variablen sich die Lösung der Beschäftigungsprobleme versprechen. Vielmehr versuchen sie zu zeigen, dass wie Keynes es befürchtete flexible Löhne und Preise sogar die Schwan-kungen von Produktion und Beschäftigung verschärfen können (ebenda S. 25). Im Falle eines Rückgangs der nominalen Nachfrage würden nämlich sinkende Preise, die ihrerseits sinkende Löhne erfordern, damit die Angebotskurve sich nach unten verschiebt, einen kumulativen Prozess auslösen; denn bei gesunkenen Preisen und Lohnsätzen würde die nominale Nachfra-ge erneut absinken. Es ergäbe sich ein nominaler negativer Multiplikatorprozess. Dieser wür-de zwar bei Konstanz exogener Nachfragekomponenten zu einem neuen Gleichgewicht füh-ren, es ist jedoch fraglich, ob es im Zuge eines solchen kumulativen deflationären Prozesses konstante nominale Nachfragegrößen gibt, da z.B. auch die Steuereinnahmen des Staates sin-ken.
Für Greenwald/Stiglitz stellt die zusätzliche Unsicherheit, die im Zuge eines solchen Deflati-onsprozesses entsteht, das entscheidende Argument dar, deren Konsequenz Schultze (1986, S. 17) so formuliert hat:
„… the dynamic consequences of wage and price flexibility may generate more rather then less instability. Keynes himself took that view, Don Patinkin (1948- J.K.) long ago emphasized this possibility.”
Dieser Argumentation wird häufig entgegengehalten, der zunehmende reale Wert der Netto-forderungen, also der Realkasseneffekt der in der Rubrik „Neoklassische Synthese-AS/AD-Analyse behandelt ist, werde diesen deflationären Prozess über kurz oder lang abfedern. Greenwald/Stiglitz (1993, S.36) halten es für falsch, sich auf den Realkasseneffekt zu verlassen:
„Indeed, in most new Keynesian models the mechanism by which wage and price flexibility would eventually restore the economy to full employment is the old real balance effect. The enormous attention that the real balance effect has received over the years hardly speaks well for the profession. Quantitatively, it is surely an nth order effect; one calculation put it that, even at the fastest rate at which prices fell in the Great Depression, it would take more than two centuries to restore the economy to full employment. And in the short run even its sign is ambiguous, as intertemporal substitution effects may (depending on expectations) more than offset the wealth effects.”
Auch Hahn (1995, S.47) wendet sich gegen die Vorstellung, flexible Preise und Löhne wür-den immer zu einem neuen Gleichgewicht führen: „Here I note that there is no guarantee for convergence, leave alone convergence to a steady state. So, if nothing else, the process will generate extra uncertainty.”
Diese Überlegungen bestärken die auf der Linie von Keynes gebliebenen Keynesianer in der Überzeugung, dass es wirtschaftpolitisch besser ist, nicht auf Lohn- und Preisflexibilisierung zu drängen, sondern die Preise und Löhne konstant zu lassen und die Geld- und Fiskalpolitik mit der Aufgabe zu betrauen, für eine Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu sorgen; denn diese ist nicht nur der primäre Ansatz zur Erklärung der Arbeitslosigkeit, son-dern auch zu ihrer Vermeidung oder Bekämpfung. Diese Aussage gilt selbstverständlich nur für Volkswirtschaften, deren Produktionspotential nicht voll ausgelastet ist und deren Produk-tion durch die Nachfrage beschränkt ist.
Dieser wirtschaftspolitischen Empfehlung stimmen auch die Neukeynesianer zu, weil sie zu Recht erkennen, dass Preis- und Lohnniveau wenig flexibel sind. Daher bleibt gar keine ande-re Möglichkeit, als die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren. Trotz ihrer nicht-keynesianischen theoretischen Ansichten über das, was wäre, wenn Preise und Löhne flexibel wären, kommen sie zu keynesianischen wirtschafspolitischen Empfehlungen. Es ist zu begrü-ßen, dass sie auf diese Weise entscheidend zur Wiederbelebung keynesianisch orientierter Wirtschaftspolitik beitragen, wie sie zum Beispiel in den USA und Großbritannien betrieben wird.
Eine zentrale Rolle spielt bei den wirtschaftpolitischen Überlegungen der Neukeynesianer die Gestaltung der Geldpolitik. Große Beachtung hat der Aufsatz von Clarida/Gali/Gertler(1999) mit dem Titel „The Science of Monetary Policy: A New Keynesian Perspective“ gefunden. Die Autoren formulieren auf der Grundlage der bestehenden Literatur ein Grundmodell, das aus einer gesamtwirtschaftlichen Nachfragegleichung und einer Phillipskurve zur Bestim-mung der Inflationsrate besteht. Charakteristisch für den neukeynesianischen Ansatz sind fol-gende Aspekte:
a) Erklärt werden soll nicht die gesamtwirtschaftliche Produktion (der Output), sondern nur der „Output gap“, also die Lücke (die Abweichung) zwischen dem tatsächlichem Output und dem Potentialoutput, der sich bei völlig flexiblen Preisen und Löhne ergäbe. Diese nicht messbare Größe wird allerdings häufig dem langfristigen Trendwert des tatsächlichen Outputs gleichgesetzt. Das Modell beschränkt sich mithin auf die Analyse kurzfristiger oder konjunk-tureller Schwankungen. Die genauso wichtige Frage, ob bei Erreichung des Trendoutput in der Volkswirtschaft automatisch Vollbeschäftigung erreicht wird, stellt sich nicht, wenn man mit der NKE der neoklassischen Annahme folgt, bei flexiblen Preisen und Löhne läge nur strukturelle Arbeitslosigkeit (die Arbeitslosigkeit, die nicht vom Outputniveau abhängt) vor. Dementsprechend ist in der NKE die Annahme üblich, die Ökonomie tendiere zu einem lang-fristigen Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt, in dem es nur strukturell bedingte Arbeitslo-sigkeit gibt.
b) Die Akteure orientieren sich an erwarteten Größen. So ist erstens der private Konsum posi-tiv vom erwarteten Outputgap abhängig: Da über die nutzenmaximierenden Konsumenten behauptet wird, sie wollten ihren Konsum über die Zeit glätten, konsumieren sie bereits in der Gegenwart mehr, wenn sie einen höheren Output (und damit höhere Einkommen) in der Zu-kunft erwarten. Zweitens hängt ihr Konsum negativ vom realen Zinssatz (definiert als nomi-naler Zinssatz abzüglich der erwarteten Inflationsrate) ab. Die Begründung hierfür lautet: Je höher die reale Verzinsung des Geldvermögens, desto mehr lohnt es sich, jetzt zu sparen und später zu konsumieren. Die Anlage-Investitionen, die man mit dem gleichen Vorzeichen von Realzins abhängig machen könnte, bleiben im Grundmodell „bequemlichkeitshalber“ („for conveniance“) außer Betracht.
c) Die Inflationsrate hängt positiv vom Outputgap und von der erwarteten Inflationsrate ab. Da Outputgap und Arbeitslosenquote sich gegenläufig entwickeln, gibt es einen negativen Zusammenhang zwischen Inflationsrate und Arbeitslosenquote. Die Phillips-Kurve, die die-sen Zusammenhang wiedergibt, hat also kurzfristig einen fallenden Verlauf langfristig ist sie dagegen wegen dem unter (a) genannten Aspekt senkrecht (siehe zur Phillips-Kurve Abschnitt 3 der Unterrubrik „Keynesianische Inflationstheorien“ in der Rubrik „Weiterentwicklung des Keynesianismus“).
d) Beide Gleichungen enthalten Störterme, um zum Beispiel Einflüsse der Fiskalpolitik oder Angebotschocks (Ölpreisschocks) berücksichtigen zu können.
e) Der nominale Zinssatz wird als ein Instrument der Zentralbankpolitik betrachtet: Die Zent-ralbank steuert den Zinssatz, nicht die Geldmenge.
Kritisch zu betrachten ist vor allem die in Punkt (a) genannte Annahme einer langfristigen Tendenz zum Verschwinden nachfragebedingter Arbeitslosigkeit. Diese entspricht nicht den Vorstellungen von Keynes.
Der unter (b) genannte Verzicht auf die Behandlung der Anlageinvestitionen blendet einen wichtigen Problembereich aus. Die Annahme, der Konsum hänge negativ vom Zinssatz ab, weil die Konsumenten ein intertemporales Kalkül anwenden, ist zumindest umstritten. Die Annahme einer langfristig senkrechten Phillipskurve ist nur unter sehr einschränkenden An-nahmen begründbar, wie in dem oben genannten Abschnitt 3, auf den hingewiesen wird, nä-her erläutert wird.
Die in (e) genannte Wahl des Zinssatzes als Steuergröße der Zentralbank ist dagegen positiv zu bewerten. Damit entfällt nämlich die Behandlung der Geldmenge als exogene Größe. Dies ist zwar im IS/LM-Diagramm üblich, stellt aber ein Relikt der von Keynes abgelehnten „Quantitätstheorie“ dar. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass der „Realkasseneffekt“ der neo-klassischen Synthese (siehe die entsprechende Rubrik) wirksam werden kann. Außerdem wird die LM-Kurve überflüssig, da jetzt die Geldmenge endogen ist und von der Zentralbank an dem von ihr gesetzten Zinssatz angepasst wird (siehe Clarida/Gali/Gertler, S. 1667). Wie sich das keynesianische Gesamtmodell ohne eine LM-Kurve darstellen lässt, haben Kromphardt/Schneider (2007) ausgeführt.
In einem weiteren Schritt wird dann präzisiert, an welchen Zielen die Zentralbank ihre Geld-politik ausrichtet. Da die NKE von sehr vielen US-amerikanischen Ökonomen vertreten wird, ist es nicht verwunderlich, dass die Antwort auf diese Frage davon geprägt ist, dass die US-amerikanische Notenbank zwei gesamtwirtschaftliche Ziele beachten soll, nämlich Preisstabi-lität und hohe Beschäftigung. Dementsprechend berücksichtigt die in der NKE überwie-gend verwendete Taylor-Regel beide Ziele, die in der einfachsten Version mit demselben Gewicht in die Zielfunktion der Zentralbank eingehen. Diese Taylor-Regel wird einerseits normativ verstanden, andererseits erklärt sie auch wie in vielen empirischen Studien gezeigt das tatsächliche Verhalten vieler Notenbanken.
Literatur
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Coddington, Alan (1976), Keynesian Economics. The Search for First Principles. “Journal of Economic Literature”, Vol. 14, S. 1258-1273.
Greenwald, Bruce/Stiglitz, Joseph (1993), New and Old Keynesians. “Journal of Economic Perspectives”, Vol. 7, S. 23-44.
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King, J.E. (2003), Elgar Compendium to Post Keynesian Economics. Cheltenham/ Northamp-ton, MA, (Edward, Elgar).
Kromphardt, Jürgen/ Schneider, Stephanie (2007), Verknüpfung des Arbeitsmarktes mit dem Güter- und Geldmarkt bei Zinssteuerung und Inflation. In: WISU Das Wirtschaftstudium. 36. Jahrgang, S. 1117-1122, Heft 8/9.
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Robinson, Joan (1971), Economic Heresies. Some Old Fashioned Questions in Economic Theory. New York (Basic Books).
Schultze, Charles (1986), Other Times, Other Places. Macroeconomic Lessons from U.S. and European Experiences. Washington (Brookings).
Tobin, James (1993), Price Flexibility and Output Stability: An Old Keynesian View, “Journal of Economic Perspectives”, Vol. 7, S. 45-65.
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