D. Die monetaristische Gegenrevolution

1. Vorbemerkung

Nachdem Keynes die wirtschaftspolitische Forderung nach einem aktiven, die konjunkturelle Entwicklung mittels Geld- und Fiskalpolitik steuernden Staat theoretisch untermauert hatte, startete Milton Friedman eine Gegenrevolution, die den Staat wieder auf eine möglichst passive Rolle zurückschrauben sollte. Dazu versuchte er zu zeigen, dass eine aktive Geld- und Fiskalpolitik entweder wirkungslos oder gar schädlich sei. Den theoretischen Unterbau lieferte der von ihm maßgeblich gestaltete Monetarismus.

D.I Die wiederbelebte Quantitätstheorie
Der US-amerikanische Ökonom Irving Fisher (1867-1947) hatte in „The Purchasing Power of Money“ (1911) seine Quantitätstheorie formuliert, um damit die Inflation zu erklären. Er entwarf dafür die „Fisher’sche Verkehrsgleichung“, in der die folgende Beziehung zwischen der Geldmenge und dem nominalen Volkseinkommen festgehalten wird

(1) M * v = U * p

Diese definitorische Gleichung besagt: Das Produkt aus Geldmenge (M) mal Um-laufgeschwindigkeit (v) des Geldes ist gleich dem Produkt aus Handelsvolumen (U) (real) mal Preisniveau. Bezogen auf die moderne Sozialproduktsberechnung lautet die entsprechend modifizierte Quantitätsgleichung: Das Produkt aus Geldmenge (M) mal Einkommenskreislaufgeschwindigkeit (ν) ist gleich dem Produkt aus realem Sozialprodukt (Yr) mal Preisniveau (p). In Symbolen:

(2) M · ν = Yr · p

Dabei können sich M und ν auf die Geldmengenaggregate M1, M2 oder M3 be-ziehen. Entsprechend ist jeweils v anders zu definieren.
Die Bezeichnung Einkommenskreislaufgeschwindigkeit verdeutlicht, dass dieser Parameter angibt, wie oft im Durchschnitt jede Geldeinheit pro Periode zur Ein-kommenszahlung gedient hat. Die Problematik dieser Betrachtungsweise hat Stützel (1979) aufgezeigt.

Aus der Definitionsgleichung (2) folgt: Falls v und Yr konstant sind, besteht eine proportionale Beziehung zwischen Geldmenge und Preisniveau. Fisher nahm die Konstanz von v und Yr an und behauptete überdies (was aus den Definitionsgleichungen (1) und (2) nicht folgt), M seid die Ursache, p die Wirkung.
An dieser Stelle setzt Friedman an. Friedman hatte schon (1959) begonnen, Keynes‘ Analyse zu hinterfragen, indem er seine „permanent income hypothesis“ formulierte, der zufolge der private Konsum weniger vom tatsächlich verfügbaren Einkommen der jeweiligen Periode abhängt als von dem Einkommen, das die Haushalte als permanent (dauerhaft) einstufen und für die Zukunft erwarten. Während in den einfachen keynesianischen Modellen Änderungen des verfügbaren Einkommens sofort und unmittelbar auf die Nachfrage durchschlagen, ist dies bei Friedman anders, da das erwartete, „permanente“ Einkommen durch kurzfristige Änderungen, z.B. durch steuernde Eingriffe des Staates, kaum oder wenig zu beeinflussen sei: Die Haushalte beurteilten – z.B. bei einer expansiven Fiskalpolitik – das zusätzlich verfügbare Einkommen als vorübergehend (transitorisch) und erhöhen ihren Konsum nur wenig. Friedman (1959, S.139) betont diesen Unter-schied:
„The permanent income hypothesis implies that the economy is much less sensitive to changes in investment [oder gegenüber Änderungen anderer autonomer Nachfragekomponenten; J.K.] than would be if consumption were adapted to measured rather than permanent income.”

Friedman (1960) lieferte anschließend ein zweites Argument gegen eine aktive Geld- und Fiskalpolitik. Er argumentiert, die Wirkungen aktiver Geld- und Fiskal-politik liefen große Gefahr, wegen zeitlicher Verzögerungen die konjunkturelle Entwicklung zu destabilisieren statt sie zu glätten. Die Verzögerungen ergäben sich aus der Zeitdauer, die das Erkennen der Situation, die wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozesse und die Reaktionen der privaten Haushalte und Unter-nehmen in Anspruch nehmen. Sie können dazu führen, dass expansive Maßnahmen erst wirksam werden, wenn bereits – wegen der veränderten konjunkturellen Lage – wieder kontraktive Maßnahmen angezeigt wären. Friedman (1960, z.B. S.63) versuchte das Auftreten derartiger Wirkungsverzögerungen empirisch nachzuweisen und behauptete, diese schwankten zwischen 4 und 29 Monaten. Später hat Friedman (z.B. 1970, S.63) seine waghalsigen Berechnungen relativiert.
Immerhin hat Friedman auf diese Weise umfangreiche, bislang fehlende empirische Untersuchungen angeregt. Diese haben die Existenz von Wirkungsverzögerungen bestätigt (wenn auch von kürzerer und daher besser vorhersehbarer Länge) und damit die ursprüngliche keynesianische Überzeugung einer sicheren antizyklischen Wirkungsweise der Globalsteuerung relativiert. Diese empirischen Untersuchungen haben andererseits gezeigt, dass insbesondere die staatliche Haushaltspolitik häufig gar nicht antizyklisch ausgerichtet war, weil z.B. die Gemeinden – aus mehreren Gründen – überwiegend ihre Ausgaben prozyklisch variieren.

Friedman war besonders gegen eine aktive Fiskalpolitik durch einen starken und aktiven Staat eingestellt. Deshalb bemühte sich Friedman in einem dritten Schritt, vor allem die Fiskalpolitik wenig wirksam erscheinen zu lassen. Deshalb griff er auf die Fisher’sche Quantitätsgleichung zurück und versuchte zu zeigen, dass im Wesentlichen Änderungen der Geldmenge die Entwicklung des nominalen Sozial-produktes bestimmen, diese also monetär gesteuert sei (daher die Bezeichnung „Monetarismus“). Er verwies dafür auf die hohe Korrelation zwischen den Schwankungen von Geldmenge und nominalem Sozialprodukt, bei denen sich in den meisten Berechnungen ein „Vorlauf“ der Geldmenge von ein bis zwei Quartalen ergibt. Er und andere Monetaristen leiten daraus ab, dass die von der Geldpolitik bestimmten Schwankungen der Geldmenge die Fluktuationen des Sozialprodukts verursachen.

Hiergegen sind jedoch zwei Einwendungen zu erheben: Erstens lässt sich aus der Korrelation zweier Zeitreihen keine Aussage über die Wirkungsrichtung ableiten. Auch wenn die eine der anderen vorauseilt, können beide die Folge einer gemeinsamen Ursache sein, in diesem Falle z.B. der Investitionsentscheidungen der Unternehmer, die sowohl eine Mehrproduktion als auch eine Erhöhung des Kredit- und Geldvolumens zur Folge haben. Mithin gilt nach wie vor Ehrlichers (1977, S.236) Schlussfolgerung:

„auf die Frage nach der Kausalität, d.h. also, ob die Veränderungen des Einkommens Veränderungen der Geldmenge ausgelöst haben oder ob der umgekehrte Zusammenhang dominiert hat, sagt die Parallelität der Entwicklung der beiden Zeitreihen nichts aus.“

Des Weiteren folgt aus dem zeitlichen Zusammenhang nur dann eine Abhängigkeit der Entwicklung des Sozialprodukts von der Geldmengenänderung, wenn die Geldmenge eine exogene, vom privaten Sektor nicht beeinflusste Größe wäre. Dies ist jedoch selbst für die Zentralbankgeldmenge umstritten – insbesondere bei festen Wechselkursen – und gilt um so weniger für die Geldmengen M1, M2 und M3, die über den Geldschöpfungsmultiplikator mit der Zentralbankgeldmenge verbunden ist und nicht allein von der Zentralbank beeinflusst wird, sondern auch von den Entscheidungen der Unternehmen und der Haushalte. Dementsprechend bezeichnet die Deutsche Bundesbank, in deren Geldpolitik monetaristische Vorstellungen einfließen, die Geldmenge, für die sie seinerzeit ihr Geldmengenziel jährlich festlegte, zu Recht als „das Ergebnis des Geldschöpfungsprozesses, an dem neben der Notenbank zu jedem Zeitpunkt auch die Kreditinstitute und Nichtbanken beteiligt sind“. (Deutsche Bundesbank 1985, S.16)

Nun zu Friedmans viertem Punkt: Ein Blick auf Gleichung (2) zeigt, dass Änderungen von M nur dann eng mit den nominalen Sozialprodukt (Yr · P) korreliert sind, wenn ν nur in engen Grenzen schwankt. In Keynes‘ Analyse sind ν solche Grenzen nicht gesetzt. Vielmehr kann es gesamtwirtschaftliche Lagen geben, in denen es zwar wegen einer ihnen angemessenen expansiven Geldpolitik zu einer steigenden Geldmenge kommt, die Zinsen aber dennoch kaum fallen und die wirtschaftliche Aktivität nicht ansteigt. Die Leute halten ihr Geld lieber in liquider Form, statt es in niedrig verzinslichen und mit Kursrisiken behafteten Wertpapieren anzulegen (Dies ist die berüchtigte Liquiditätsfalle). In einer solchen Situation sinkt die Einkommenskreislaufgeschwindigkeit und konterkariert die potentiell expansive Wirkung einer steigenden Geldmenge.

Friedman schließt diesen Fall aus, indem er den Kehrwert von ν als eine Verhaltensgröße uminterpretiert; diese könne zwar im Konjunkturzyklus schwanken, sei aber langfristig stabil.
Nunmehr blieb in einem fünften und letzten Schritt zu klären, wie sich die Wir-kungen einer Änderung der linken Seite der Quantitätsgleichung (also M · ν) auf Mengen und Preise verteilen. Irving Fisher hatte angenommen, das reale Sozial-produkt werde wegen der Vollbeschäftigungsannahme nicht reagieren können. Friedman dagegen unterschied zwischen der kurzen und der langen Frist und meinte: Kurzfristig könne das reale Sozialprodukt auf Änderungen der Geldmenge reagieren. Seine Veränderungen würden aber im Zeitverlauf wieder verschwinden.

Seine Argumentation geht wie folgt: In der Ausgangssituation herrsche nur struk-turbedingte Arbeitslosigkeit in dem Ausmaß, in dem Angebot und Nachfrage an Arbeit nicht zusammen passen, insbesondere wegen Unterschieden in der Quali-fikation oder räumlicher Unvereinbarkeit (freie Arbeitsplätze in Bayern, Arbeitslose in Bremen, die jedoch z.B. wegen fehlender bezahlbarer Wohnungen in München nicht in der Lage sind, dort eine Arbeit aufzunehmen.). Arbeitslosigkeit wegen zu geringer gesamtwirtschaftlicher Nachfrage gäbe es dagegen nicht. Friedman hält die Wahl dieser Ausgangssituation für angemessen, weil sie
„sich aus dem Walrasianischen Gleichgewichtssystem ergebe, vorausgesetzt, die aktuellen Strukturcharakteristika der Arbeits- und Gütermärkte sind eingebaut, und zwar einschließlich Marktunvollkommenheiten, Zufallsvariabilität von Angebot du Nachfrage, Kosten der Informationsbeschaffung über freie Stellen und Arbeitsreserven, Mobilitätskosten“ usw. (Friedman 1968, S.144).

Diese nicht sehr präzise Definition ist schon deswegen ungenau, weil das von Friedman herangezogene „Gleichgewichtssystem unter Berücksichtigung der tatsächlichen Strukturcharakteristika“ noch gar nicht entwickelt ist. Hahn (1995, S.54) bemerkt dazu kritisch:

„Theories of the natural rate are among the class of shaky and vastly incomplete theories“.

Friedman bezeichnet diese Arbeitslosigkeit als „natürlich“, da das marktwirt-schaftliche System von allein zu dieser Situation tendiere.

In Ergänzung, aber nicht im Gegensatz zur keynesianischen Theorie, in der Änderungen der Nachfrage primär zu steigender Produktion führen (denn diese Theorie ist für Volkswirtschaften mit unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und freien Kapazitäten entwickelt worden), zeigt Friedman für eine Volkswirtschaft ohne unfreiwillige Arbeitslosigkeit, dass steigende Nachfrage nur vorübergehend, aber nicht dau-erhaft zu mehr Produktion und Beschäftigung führen kann (was eigentlich unstrittig ist). Friedman verschleiert den Unterschied in der betrachteten Ausgangslage, indem er davon spricht, in der von ihm behandelten Volkswirtschaft gäbe es nur „natürliche Arbeitslosigkeit“. Er benutzt also eine neue und erklärungsbedürftige, außerdem unscharf definierte Größe, die im Wesentlichen strukturbedingte Ar-beitslosigkeit umfasst.

Wie kommt es nun zu den kurzfristigen Mengeneffekten und zu ihrem langfristigen Verschwinden? Friedman untersucht die Wirkungen einer Geldmengenexpansion für die Situation der natürlichen Arbeitslosigkeit, also für eine Situation ohne nachfragebedingte Arbeitslosigkeit. Die vorhandene Arbeitslosigkeit beruht allein auf strukturellen Unterschieden zwischen dem Arbeitsangebot und der Ar-beitsnachfrage. Alle Erwerbspersonen, die davon nicht betroffen sind und zu den herrschenden Reallöhnen arbeiten möchten, haben einen Arbeitsplatz. Daher können diese Erwerbspersonen nur durch einen höheren Reallohn für Mehrarbeit gewonnen werden. Die Unternehmen sind jedoch bei der gegebenen Arbeitsproduktivität auf Dauer nicht bereit diesen zu zahlen.
Eine höhere Beschäftigung ergibt sich dennoch kurzfristig, weil die Unternehmen höhere Nominallöhne zahlen, von denen die Arbeitnehmer meinen, es seien zu-gleich höhere Reallöhne. Die Unternehmen aber wälzen die höheren Lohnkosten in den Preisen weiter. Nur solange sich die Arbeitnehmer in dieser Beziehung täu-schen lassen, steigen Beschäftigung und Produktion: Auf Dauer aber lassen sich die Arbeitnehmer nicht täuschen. Die Beschäftigung geht wieder zurück, die Mengen sinken auf das vorherige Niveau, nur die Preise sind gestiegen.
Bei der gewählten Ausgangslage führen Anstöße von außen (von der Geldmenge, aber auch von der Fiskalpolitik oder aus dem Ausland) daher langfristig zu keiner Änderung der realen Größen. Nur dann gibt die folgende Behauptung eines ande-ren wichtigen Monetaristen, nämlich Karl Brunner (1970, S.75f.):

„der private Sektor absorbiert Schocks und formt sie in eine stabilisierende Bewegung um [..] die Hauptinstabilitäten und Unsicherheiten des ökonomischen Prozesses [gehen] auf das Verhalten des staatlichen Sektors zurück. Die Unsicherheiten sind im Besonderen den Steuer- und Ausgabenprogrammen zuzurechnen sowie den Maßnahmen eingreifender Instanzen. Die Instabilität ist vor allem der Geld-, Kredit- und Fiskalpolitik zuzuschreiben.“

Die Monetaristen verallgemeinern dieses Ergebnis zu der Aussage, der private Sektor sei stabil. Bei genauerer Betrachtung haben die Monetaristen die Stabilität der realen Größen jedoch nur für eine Situation gezeigt, in der keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit besteht und in der auch die Keynesianer keine expansive Politik empfehlen würden.

D.II Die Diskussion anhand der Phillipskurve

Der britische Wirtschaftsingenieur A. Phillips hatte 1958 den Zusammenhang zwi-schen Beschäftigungsgrad und nominalen Lohnsteigerungen untersucht und ein wenig überraschendes Ergebnis ermittelt, nämlich: Je besser die Beschäftigungs-situation (d.h. je niedriger die Arbeitslosenquote), desto rascher steigt das nominale Lohnniveau. Phillips hatte diesen empirischen Zusammenhang in einer Graphik dargestellt, in der die Lohnsteigerungsrate umso niedriger ist, je höher die Arbeitslosenquote.
Samuelson/Solow (1960) griffen dieses Ergebnis auf und bezogen es auf den Zu-sammenhang zwischen Beschäftigungsgrad und Inflationsrate und folgerten eine negative Beziehung zwischen diesen beiden Größen: Je niedriger die Arbeitslo-senquote, desto höher die Inflationsrate.

Die Wirkungsrichtung wurde eindeutig so gesehen: Je besser die Beschäftigungssituation, desto eher können Arbeitnehmer und Gewerkschaften höhere Nominallöhne durchsetzen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ihre Reallöhne steigen; es erhöhen sich gleichzeitig auch die Möglichkeiten für die Unternehmen, Preis-erhöhungen vorzunehmen. Manche Kritiker des Keynesianismus unterstellen da-gegen, die Keynesianer behaupteten: Mehr Inflation führt zu mehr Beschäftigung. Das ist eine Fehlinterpretation.

Friedman griff die keynesianische fallende Phillipskurve mit anderen Argumenten an. Er bestritt, dass eine niedrigere Arbeitslosenquote zu einem höheren, aber nach erfolgten Anpassungsprozessen wieder konstante Inflationsrate führe. Er behauptete stattdessen, außer im Bereich der „natürlichen Arbeitslosenquote“ werde die Inflationsrate entweder ständig zunehmen (akzelerierende Inflation) oder ständig abnehmen. Die erstgenannte Entwicklung ergibt sich, wenn die tat-sächliche Arbeitslosigkeit unter die natürliche gedrückt wird. Übersteigt dagegen die tatsächliche Arbeitslosigkeit die natürliche, werde die Inflationsrate ständig abnehmen.
Friedmans Begründung ist in Abschnitt D.I bereits dargestellt: Da die Arbeitnehmer nur durch höhere Nominallöhne, die sie fälschlich als höhere Reallöhne in-terpretieren, zu einer Beschäftigung über die „natürliche Arbeitslosigkeit“ hinaus veranlasst werden können, kommt es zu ständig höheren Lohn- und Preissteige-rungen, also zu einer sich ständig beschleunigenden Lohn-Preis-Spirale. Dieser Prozess geht weiter, bis die Arbeitnehmer das Ganze durchschauen und das System zur natürlichen Arbeitslosenquote zurückkehrt. Dann bleibt die Inflationsrate zwar konstant, aber auf dem höheren Niveau, das sie durch die Lohn-Preis-Spirale erreicht hat.

Wieso geht die Inflationsrate nicht zurück? Die Begründung der Monetaristen lautet: Wenn die Inflation sich längere Zeit beschleunigt hat, erwarten die Leute im Durchschnitt bestenfalls ein Ende der Beschleunigung, nicht aber einen Rückgang der Inflationsrate. Graphisch lässt sich die Entwicklung gemäß der erwartungserweiterten Phillipskurve („expectation-augmented Phillips curve“) wie folgt darstellen

 

Inflationsrate1a

Abb. 1: Monetaristische Interpretation des Zusammenhangs

 

Durch die gesunkene Arbeitslosenquote steigt die Inflationsrate rascher an, bis eine Rückkehr zur „natürlichen“ ALQ0 erfolgt. Da eine niedrigere Inflationsrate (∏ < ∏1) nicht erwartet wird, erreicht das System schließlich den Punkt P1. Die kurzfristige Phillipskurve hat sich nach oben verschoben, die langfristige Phillipskurve ist senkrecht.
Voraussetzung für diese Entwicklung ist allerdings, dass die Inflationsrate sich bei ALQ1 < ALQ0 ständig beschleunigt. Anhand eines auf Rothschild (1974) aufbauenden Modells lässt sich präzise darlegen, dass diese Entwicklung nur eintritt, wenn beide Tarifparteien ihre nominalen Ansprüche stets voll durchsetzen können. D.h.: Die Gewerkschaften setzen stets Lohnsteigerungen in Höhe der Summe von Inflationsrate und Steigerungsrate der Arbeitsproduktivität durch, die Unterneh-men wälzen anschließend die dadurch ausgelösten Lohnkostensteigerung in ihren Preisen weiter, sodass die Einkommensverteilung konstant bleibt.
Dies führt zu zwei Verhaltensgleichungen, in denen w für Wachstumsrate steht, l für den Lohnsatz, U für die Arbeitslosenquote. X/A bezeichnet die Arbeitsproduktivität.

(1) w1 = α0 wX/A + α1wp-1 + α2(U*- U)

(2) wp = β0 (w1 – wX/A)

Die Werte der Verhaltensparameter α und β sind positiv oder gleich Null. Mit Gleichung (1) wird ausgesagt, dass die Höhe der durchgesetzten Lohnsteigerungs-rate von drei Faktoren abhängt.

(a) Von der Zunahme der Arbeitsproduktivität, an der die Arbeitnehmer voll (α0 = 1) oder teilweise (α0 < 1) beteiligt werden.

(b) Von der Inflationsrate der Vorperiode (also „proxy“ für die erwartete Infla-tionsrate), für die von den Arbeitnehmern ein voller (α= 1) oder ein teil-weiser (0 < α1 < 1) Lohnausgleich durchgesetzt wird.
(c) Von der Arbeitslosenquote als Indikator der Machtverteilung auf dem Ar-beitsmarkt. Je weiter sie unterhalb einer „lohnzuwachsneutralen“ Arbeits-losenquote U* liegt, desto höhere Lohnsteigerungen werden durchgesetzt. Wenn die tatsächliche ALQ genau den Wert von U* hat, dann hat dieser Faktor keinen Einfluss auf die Inflationsrate.

Die Gleichung (2) besagt, dass die Unternehmen Lohnkostensteigerungen voll 0 = 1) oder teilweise 0 < 1) auf die Preise überwälzen.

Aus den beiden Verhaltensgleichungen ergibt sich durch Einsetzen von (1) und (2) eine Differenzengleichung 1. Ordnung:

(3) wp α1β0wp-1 = β00 – 1) wX/A + α2β0 (U*– U)

Bei einer solchen Gleichung sind mehrere Entwicklungen möglich (siehe Kasten).

 

 

Kasten: Die Lösungen des Modells
Ein derartige Gleichung hat folgende Lösungen (siehe Assenmacher, 1995, S. 348f.), wobei die rechte Seite von (3) im Folgenden als R bezeichnet wird und C eine unbekannte Konstante darstellt.(4) α1β0 = 1 : wp,t = Rt + C(5) α1β0 = 1 : wp,t < (α1β0)t C + R / (1 – α1β0)Gleichung (4) gilt für den Fall voller Weiter- bzw. Rückwälzung von Lohnkosten- und Preissteigerungen. In diesem Fall bleibt die Inflationsrate nur konstant, wenn die rechte Seite von (3) gleich 0 ist; denn dann ist wp,t = C. Dafür müssen α0 = 1 und U* = U sein. Bei dieser Konstellation kann die Inflationsrate also nur bei U* konstant bleiben. Ihre Höhe ist unbestimmt; sie wird durch die Konstante C gegeben, die z.B. durch die Inflationserwartungen bestimmt werden kann.Die in Gleichung (5) erfassten Fälle können in zwei Gruppen eingeteilt werden. In der ersten ist α1β0 < 1. Dies bedeutet, dass eine oder beide Akteursgruppen die Mehrbelastung nicht voll weiter- bzw. zurückwälzen können. In diesen beiden Fällen wird der Ausdruck (α1β0)t in Gleichung (5) im Zeitablauf immer kleiner, so dass die Inflationsrate langfristig zu folgendem Grenzwert strebt:(6) lim (t→∞) wp = R / (1 – α1β0)Eine konstante Inflationsrate ist mithin bei jeder Größe von R und bei jeder Arbeitslosenquote möglich. Die Höhe dieser Inflationsrate hängt negativ von der Höhe der Arbeitslosenquote ab.

In der Gruppe mit α1β0 > 1 entfernt sich jede Inflationsrate immer weiter weg vom Gleichgewichtswert; es gibt keine stabile Inflationsrate.

 

 

Stabile, nicht akzelierende Inflationsraten ergeben sich also bei jeder beliebigen Arbeitslosenquote, wenn Lohn- und Preissteigerungen zusammen nicht voll überwälzt werden (α1β0 < 1). Bei voller Weiter- bzw. Rückwälzung gibt es eine stabile Inflationsrate nur bei U*. Für die Existenz einer fallenden Phillipskurve, auf der stabile Inflationsraten abgetragen sind, ist also die Größe der Parameter α1 und β0 entscheidend.

Abbildung 2 verdeutlicht, dass in der keynesianischen Interpretation kurz- und langfristige Phillipskurve zusammenfallen, sobald α1β0 < 1. Nur wenn die tatsächliche ALQ auf die „natürliche“ gesunken ist, wird die Phillipskurve auch aus keynesianischer Sicht senkrecht.

 

Abb2
Abb. 2: Langfristige Phillipskurven bei voller oder teilweiser Lohn- und Preisüberwälzung

 

 

Die Monetaristen unterstellten den Keynesianern dennoch, sie behaupten, es könne jenseits einer „natürlichen“ Arbeitslosenquote langfristige Beschäftigungs-gewinne durch monetäre Nachfragepolitik geben. Friedmans berühmte „Presi-dential Address“ von 1968 arbeitete die unausweichlichen inflatorischen Konse-quenzen einer solchen Politik heraus – aber diese Botschaft findet sich in nahezu identischen Worten schon in Keynes‘ „General Theory“ von 1936:

„When a further increase in the quantity of effective demand produces no further increase in output and entirely spend itself on an increase in the cost-unit fully proportionate to the increase in effective demand, we have reached a condition which might be appropriately designated as one of true inflation.”
(S. 303)

In der deutschen Übersetzung von 2009 lautet das Zitat:
„Wenn eine weitere Zunahme in der effektiven Nachfrage keine weitere Zunahme in der Produktion hervorruft und ausschließlich auf eine Zunahme in der Lohneinheit völlig proportional zur Zunahme in der effektiven Nachfrage wirkt, haben wir einen Zustand erreicht, der zutreffend als ein Zustand wahrer Inflation bezeichnet werden könnte.“ (S.256)

Aus Abb. 2 geht die Höhe der Inflationsrate nicht hervor. Im monetaristischen Modell, in dem die Arbeitslosenquoten und die „natürliche“ Arbeitslosenquote (NALQ) oszillieren, wird sie durch die Inflationserwartungen bestimmt, im keynesianischen Modell dagegen durch die Arbeitslosenquote. Diese setzt sich zusam-men aus der „strukturbedingten Arbeitslosigkeit“, die im Wesentlichen der NALQ entspricht, und der „niveaubedingten“ Arbeitslosigkeit, d.h. der Arbeitslosigkeit, die von der Höhe der Güternachfrage bestimmt wird. Die Güternachfrage ent-scheidet nämlich darüber, wie viel Arbeit nachgefragt wird. In dem Umfang, in der diese Nachfrage unterhalb des Arbeitsangebots liegt, besteht Arbeitslosigkeit.

Monetaristisch geprägte Ökonomen beharren jedoch darauf, die Güternachfrage habe keinen dauerhaften Einfluss auf die Arbeitslosenquote, da die Wirtschaft immer zur „natürlichen“ ALQ zurückkehrt, die nur strukturbedingt ist. Jedoch scheitern alle Versuche, die Entwicklung der Arbeitslosenquote empirisch nur aus Strukturveränderungen zu erklären; denn die tatsächliche Arbeitslosenquote verändert sich viel stärker, als sich mit Strukturveränderungen erklären ließe. Daher müssen derartige Prognosen der Arbeitslosenquote ständig revidiert werden. Dies zeigt anschaulich und drastisch Klär (2014).

Gemeinsam sind Keynes und Friedman die quantitätstheoretischen Wurzeln ihres Denkens. Beide sehen in der Geldmenge den Ansatzpunkt der Notenbankpolitik – und sind damit beide von den heutigen Grundsätzen der Geldpolitik überholt, den Zins als primäres Instrument der Zentralbank zu sehen und das Geldangebot an die Geldnachfrage weitgehende anzupassen. Friedmans Forderung nach einer strikten Geldmengenpolitik ist von den Zentralbanken aus gutem Grund niemals umgesetzt worden: Die Geschichte des Finanzsektors zeigt, dass ein starres Geldangebot die Geldnachfrage destabilisiert.

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide in gesamtwirtschaftlichen Kategorien denken und die simple Übertragung mikroökonomischer Ergebnisse auf die Makroebene ablehnen. Jedenfalls formuliert Friedman (1963), S. 7 folgende Erkenntnis: „The most interesting and imprtant thing about economics as a science is precisely that almost everything that is true for the individual is wrong for the society and almost everything that is true for the society as a whole is wrong for the individual.


D.III Vorherrschaft und Entthronung des Monetarismus

Der Monetarismus hatte seine große Zeit, als in den 1970er Jahren aufgrund der ersten beiden Ölpreisschocks (1969 und 1973) die Inflationsraten weltweit auf-grund dieses Angebotsschocks kräftig anzogen (bis zu 7% in der BRD).
Die Keynesianer schienen darauf weder eine Erklärung noch eine wirtschaftspoli-tische Antwort zu haben (trotz ihrer in der Rubrik E.IV.2 dargestellten Inflations-theorien, die aber in den Standardlehrbüchern keine Rolle spielen). Diese Lücke versuchten die Monetaristen zu füllen, obwohl auch in ihrer Theorie Angebots-schocks zunächst keine Bedeutung hatten. Ihre These, die Ursache der Inflation läge bei der Geldmenge, gab der Geldpolitik eine gewichtige Rolle und ermuntere sie, der Inflation mit einer restriktiven Geldmengensteuerung entgegenzutreten; dazu trug erheblich bei, dass die Monetaristen prognostizierten, diese werde nur kurzfristig geringfügige negative Auswirkungen haben. So prognostizierte Friedman (1980, S. 61), die Rückführung der Inflation in Großbritannien auf eine einstellige Rate bis 1982 werde nur eine „modest reduction in output and employment“ hervorbringen, die Wirkung auf die Investitionen und das Potential für künftiges Wachstum „will be highly favorable“. Bei Weckung geeigneter Erwartungen werde diese Politik gar keine negativen Beschäftigungswirkungen haben.

Diese Prognose, die sich allerdings als falsch erwies, ermutigte viele Zentralbanken mit restriktiver Geldpolitik gegen die Inflation vorzugehen. Sie hatten damit (teuer erkauften) Erfolg: Inzwischen bestimmen sie weitgehend die Inflationsrate. Aus Angst vor restriktiven Maßnahmen haben die Tarifparteien ihr Lohn- und Preissetzungsverhalten geändert, sodass die Phillipskurve ziemlich flach verläuft. Inzwischen gilt die Sorge der Notenbanken fast überall stärker der Gefahr von Deflation als der Gefahr einer Rückkehr der Inflation, und es wurde diskutiert, wieweit sich die Phillipskurve abgeflacht habe oder gar horizontal verlaufe (siehe im Einzelnen Kromphardt/Logeay, 2011a und b).

Die von wichtigen Notenbank seit der Finanzkrise 2008/09 betriebene Ausweitung der Zentralbankgeldmenge hat außerdem gezeigt, dass die monetaristische Vorstellung eines engen Zusammenhangs zwischen der Zentralbankgeldmenge (der sogenannten Geldbasis) und der Geldmenge (M1 oder M3) nicht der Realität entspricht, da die Geschäftsbanken die gestiegene Geldbasis nicht nutzen (können), um verstärkt Geld- und Kreditschöpfung (durch Vergabe von mehr Krediten an Unternehmen) zu betreiben.
Mit dieser geldpolitischen Ausrichtung haben sich die Zentralbanken von der monetaristischen Lehre verabschiedet. Die US-amerikanische Notenbank (FED) hat dies jetzt auch offen bekundet: Ihre Vorsitzende, die Ökonomin Janet Yellen hat klar gemacht,
„dass in ihrem geldpolitischen Denken die Geldmenge überhaupt keine Rolle mehr spielt. Vielmehr stellte sie als Faktoren für die kurzfristige Inflationsentwicklung (neben Importpreisen oder externen Schocks wie aktuell dem Ölpreisrückgang) vor allem den Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten und den Arbeitsmarkt heraus. Ist die Arbeitslosigkeit gering, kann der resultierende Lohndruck zu einem Preisanstieg führen. Längerfristig werde sich die Inflationsrate jedoch um die Inflationserwartungen herum bewegen. Diese Inflationserwartungen könne die Zentralbank prägen“, bekräftigte Yellen (FAZ vom 30.9.2015).
Damit ist deutlich geworden, dass der Monetarismus in der geldpolitischen Diskussion keine Rolle mehr spielt. Dies gilt allerdings nicht für die Beschäftigungspolitik, in der die Fiktion, die tatsächliche Arbeitslosigkeit sei vor allem strukturbedingt, weiterhin eine verhängnisvolle Rolle spielt (vgl. Klär, 2015).

Literaturverzeichnis

1. Zitierte Literatur

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Friedman, Milton (1959), The Demand of Money: Some Theoretical and Empirical Results, Journal of Political Economy, Bd.67. Deutsche Fassung in: Friedman, Milton, Die optimale Geldmenge und andere Essays. München (Verlag Moderne Industrie), 1970.

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2. Vertiefende Literatur:

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Kromphardt, Jürgen / Logeay, Camille (2011a), Flattening of the Phillips Curve: Estimations and Consequences for Economic Policy (“Intervention, European Journal of Economics and Economic Policies”, Vol. 8, S. 43-67 sowie (2011b) Birgt der nächste Aufschwung Inflationsgefahren. In: F. Helmedag / J. Kromphardt (Hrsg.), Nachhaltige Wege aus der Finanz- und Wirtschaftskrise. Marburg (Metropolis), S. 191-2012.

Laidler, David (1981), Monetarism: An Interpretation and an Assessment. “The Economic Journal”, Bd. 91, S. 1-28.

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