C.III Von der neoklassischen Synthese zur AS/AD-Analyse

 

1. Die zwei Begriffe einer „neoklassischen Synthese“

 
Der Begriff „Neoklassische Synthese“ wird in zwei sehr unterschiedlichen Weisen verwendet, wobei viele Autoren nicht sagen, auf welchen sie sich beziehen (dies gilt z.B. für den Beitrag „Neoclassical Synthesis“ von O.Blanchard zur 2.Auflage des New Palgrave Dictionary(2007).

Der eine, ältere Begriff stammt von Paul Samuelson, der bereits im zweiten Jahr den neu geschaffenen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. In der siebten englischsprachigen Ausgabe seines Lehrbuchs „Economics. An Introductory Analysis“ formuliert er ihn so (1967, S. 581):

„By proper use of monetary and fiscal policies nations today can successfully fight off the plague of mass unemployment and the plague of inflation. With reasonably stable full employment a feasible goal, the modern economist can use a ‘neoclassical synthesis” based on a combination of the modern principles of income determination and the classical truth. Paradoxically, successful application of the principles of income determination does result in a piercing of the monetary veil masking real conditions, does dissipate the topsy- tuvry clashes between the whole and the part that gave rise to countless fallacies of composition, and does finally validate the important classical truths and vanquish the paradox of abortive thrift.”

In deutscher Übersetzung lautet diese Definition (leicht verbessert gegenüber der Übersetzung in der 3. deutschen Auflage von 1964):

„Bei richtigem Einsatz der Währungs- und Fiskalpolitik sind die Völker heutzutage in der Lage, die Schrecken von Massenarbeitslosigkeit und Inflation zu bannen. Wenn das Ziel einer angemessenen stabilen Vollbeschäftigung erreichbar ist, steht dem modernen Volkswirt eine „neoklassische Synthese“ zur Verfügung. Sie beruht auf einer Kombination der Grundsätze der modernen Theorie der Bestimmung des Volkseinkommens mit den klassischen Wahrheiten. Paradoxerweise zerreißt eine erfolgreiche Anwendung der Grundsätze der modernen Theorie der Bestimmung des Volkseinkommens auch den „Geldschleier“, der über den güterwirtschaftlichen Beziehungen liegt. Dadurch lösen sich auch die alles auf den Kopf stellenden Widersprüche zwischen Teil und Ganzem, die zu zahllosen Trugschlüssen der Verallgemeinerung führten. Die alten klassischen Wahrheiten kommen wieder zur Geltung; das Paradox des erfolglosen Sparens verschwindet.“

Samuelson war also damals noch sehr optimistisch bezüglich der Wirksamkeit der Geld- und Fiskalpolitik; deren Notwendigkeit in Zeiten der Unterbeschäftigung aus der Theorie von Keynes folgt, denn er hielt es damals für möglich, Arbeitslosigkeit und Inflation zu beseitigen. Wenn das erreicht ist, ist die Volkswirtschaft wieder in dem Zustand der Vollbeschäftigung, den die neoklassische Theorie behandelt; in diesem Zustand begrenzen die verfügbaren Ressourcen (und nicht die Nachfrage) die Produktion. Bei derart erfolgreicher Wirtschaftspolitik gibt es daher eine Synthese von „Keynes“ und (neo-)klassischer Theorie, die Samuelson als „neoklassische Synthese“ bezeichnet.

Von diesem Begriff ist eine zweite Art neoklassischer Synthese zu unterscheiden, die ausschließlich neoklassisch und nur scheinbar eine Synthese ist. Bei ihr wird das keynesianische IS/LM-Modell mit dem neoklassischen Arbeitsmark verknüpft und dann durch zusätzliche Effekte (Pigou-Effekt und Realkasseneffekt) ergänzt (s. z.B. Morgan, 1978). Ziel und Ergebnis dieser Erweiterungen bestanden darin, die zentrale Aussage von Keynes, es gebe auch bei flexiblen Preisen und Löhne keine automatische Rückkehr zur Vollbeschäftigung, auszuhebeln und durch ihr Gegenteil zu ersetzen.

2. „Neoklassische Synthese“ von IS/LM- Modell und neoklassischen Arbeitsmarkt

Schon Modigliani (1944) erweiterte die Güter- und Geldmarktanalyse des IS/LM-Modells um einen strikt neoklassischen Arbeitsmarkt und konstruierte so ein von ihm durchgängig neoklassisch interpretiertes Gesamtmodell. In diesem ist die Existenz eines Unterbeschäftigungsgleichgewichts an die Annahme rigider Löhne gebunden – außer im Bereich der Liquiditätsfalle, die er – ohne Hicks zu zitieren – als „Keynesian case“ bezeichnet: „There is one case in which the Keynesian theory of liquidity preference is sufficient by itself to explain the existence of underemployment equilibrium without starting out with the assumption of rigid wages“ (Modigliani, 1944, S. 74). Sind dagegen Preise und Löhne genügend flexibel, setzt sich der neoklassische Arbeitsmarkt mit seiner Tendenz zur Vollbeschäftigung immer durch.

Der Weg zur Vollbeschäftigung verläuft so: In der Ausgangssituation führe das aus dem IS/LM-Quadranten resultierende Produktionsvolumen zu einer Arbeitsnachfrage, die beim Ausgangsreallohn unterhalb des Arbeitsangebots liegt. Es besteht Arbeitslosigkeit. Dieses Überangebot an Arbeit führt zu sinkenden Nominallöhnen, etwas weniger sinkenden Preisen und damit auch zu Reallohnsenkungen. Diese Lohn- und Preissenkungen haben viele gegenläufige Effekte, wie Keynes in Kap.19 seiner „General Theory“ geschildert hat. Von diesen Änderungen werden zwei Effekte sinkender Preise willkürlich herausgegriffen, nämlich der Pigou-Effekt (Geldvermögenseffekt), der über einen höheren Konsum zu einer Rechtsverschiebung der IS-Linie führt (s. dazu auch die vorangehende Rubrik „Pigou-Effekt“), sowie der Zinseffekt, durch den sich die LM-Linie nach rechts verschiebt. Die neue Gleichgewichtsproduktion ist somit höher und liegt genau auf dem Niveau, das aus der Gleichgewichtsbeschäftigung gemäß der Produktionsfunktion resultiert.


3. Die Auseinandersetzung um den Pigou- Effekt und den Realkasseneffekt

Die ersten Versuche, die zentrale Aussage von Keynes, dass es auch bei flexiblen Preisen und Löhnen keine automatische Rückkehr zur Vollbeschäftigung gibt, durch den Pigou-Effekt und den Zinseffekt auszuhebeln, wurden bis in die 50er Jahre von den Keynesianern entschieden abgewehrt und konnten sich nicht durchsetzen. Dies änderte sich in der nächsten Diskussionsrunde, in der es darum ging, die Theorie von Keynes mit der traditionellen Preis- und Werttheorie in Übereinstimmung zu bringen.

Im Mittelpunkt dieses erneuten Versuchs, Keynes in die neoklassische Welt zurückzuholen, stand das Buch von Don Patinkin (1956) „Money, Interest und Prices“ mit dem viel sagenden Untertitel „An Integration of Monetary and Value Theory“. Hinzu trat später die Forderung nach einer Mikrofundierung der Makroökonomie; dazu sollte allerdings nur die neoklassische Mikroökonomie dienen, die auch der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie“ zugrunde liegt.

Während Patinkin 1948 und 1951 (s. dafür die Rubrik „Pigou- Effekt) noch der Position zuneigte, wegen der Unsicherheit über die Zukunft könne man sich auf stabilisierende Tendenzen zur Vollbeschäftigung nicht verlassen, hat er in seinem Buch seine Position zur „General Theory“ von Keynes bezüglich der Wirkungen flexibler Preise deutlich modifiziert: Er ersetzt den Pigou-Effekt, den der Schuldner-Effekt direkt kompensieren kann, durch den Real-balance-effect (Realkasseneffekt). Dieser beruht nur noch auf der Steigerung des realen Wertes des Bestandes an Bargeld; diesem steht kein Schuldner gegenüber, der auf den gestiegenen Realwert seiner Schulden reagieren müsste, sondern die Zentralbank.

Was die Wirkung des Realkasseneffektes betrifft, so trennt Patinkin – ohne dies deutlich zu sagen – zwischen der wirtschaftspolitischen und der wirtschaftstheoretischen Ebene. Auf die Wirtschaftspolitik gemünzt schreibt er in der 1. Auflage von 1956 und unverändert in der veränderten 2. Auflage von 1965 (S. 237 bzw. S. 339): “..,even if monetary policy could definitely restore the economy to full employment, there would still remain the crucial question of the length of time it would need. There would still remain the very real possibility that it would necessitate subjecting the economy to an intolerably long period of dynamic adjustment: a period during which wages, prices, and interest would continue to fall, and – what is most important – a period during which varying numbers of workers would continue to suffer from involuntary unemployment.”

Für die theoretische Ebene erklärt er jedoch im unmittelbar anschließenden Absatz, „der Realkasseneffekt zwinge die Keynesianer, die klassische Behauptung zu akzeptieren, es bestünden stabilisierende Kräfte, denen es am Ende gelingt, das Einkommen auf das Vollbeschäftigungsniveau zu heben “(eigene Übersetzung).

Von den drei möglichen Interpretationen der Keynes’schen Theorie, die Patinkin 1948 formuliert hatte (s. die Rubrik Pigou- Effekt), beschränkt er sich jetzt auf diejenige, die der klassischen Theorie am nächsten kommt und damit so nahe, dass man sie nicht mehr als keynesianisch bezeichnen kann.

Diese Position fiel bei vielen Ökonomen auf fruchtbaren Boden; denn nun ließ sich die Theorie von Keynes – was ihr langfristiges Gleichgewichtsergebnis betrifft – in die neoklassische Theorie, die sich vor allem für die langfristigen Endzustände interessiert, integrieren, wobei sie darin auf- bzw. untergeht. Abweichende Ergebnisse wurden ihr von vielen nur noch bei rigiden Preisen und Löhne zugestanden bzw. bei den unrealistischen Extremfällen einer völlig zinsunelastischen Investitionsgüternachfrage oder einer unendlich elastischen Geldnachfrage (Liquiditätsfalle).

Die Abwehr der keynesianisch orientierten Ökonomen fiel ziemlich schwach aus, abzulesen z.B. an den damals führenden keynesianisch orientierten Lehrbüchern von Erich Schneider in Deutschland und Paul Samuelson in den USA. Statt auf die Analyse von Keynes im Kapital 19 der „General Theory“ zurückzugreifen, wo dieser eine große Zahl gegenläufiger Effekte auflistet (s. Rubrik „The General Theory“, Kernaussagen, Abschnitt C), beschränkte sich Schneider von der 1. Auflage (1952) bis zur letzten 12. Auflage (1973) darauf, dem Pigou-Effekt „den Charakter einer völlig unbestätigten Hypothese“ zuzuschreiben, sowie den negativen Erwartungseffekt und den unbestimmten Verteilungseffekt (weniger Konsum, evtl. höhere Investitionen wegen der höheren Gewinne) zu erwähnen (1952, S. 161). Außerdem stellt er fest, diese Frage könne nur im Rahmen einer Verlaufsanalyse (also nicht in komparativ-statischer Betrachtung) erschöpfend behandelt werden, was im Rahmen einer Einführung nicht möglich sei (S. 160). Zustimmend zitiert er allerdings eine Passage von J.M. Clark (1949, S. 101): „Weder steigende noch sinkende Löhne … sind a priori verlässliche Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit“, und schließt sich so dem Ergebnis von Keynes an, ohne es im Einzelnen abzuleiten. .

Samuelson setzt von Anfang an den Pigou-Effekt mit dem Realkasseneffekt gleich, ohne diese Bezeichnung bis zur 12. Auflage (1989) zu verwenden, konzediert ihm theoretische Relevanz, verweist aber auf der wirtschaftspolitischen Ebene darauf, Pigou selbst habe nicht empfohlen, durch kräftige Preissenkungen (Deflation) das Arbeitslosenproblem zu lösen. Vielmehr habe er einer Erhöhung der Geldmenge den Vorzug gegeben (siehe dazu Rubrik „Pigou“). Auf die Überlegungen von Keynes in Kapitel 19 geht er wie Schneider nicht näher ein.

Wenig behelligt von solch unpräzisen Darlegungen konnte sich die neoklassische Synthese als Interpretation der „bleibenden“ Erkenntnisse aus der Theorie von Keynes ausbreiten und Keynes’ Forderungen nach beschäftigungsorientierter Geld- und Fiskalpolitik als Ergebnis der Annahme rigider Löhne und Preise hinstellen. .

4. Neoklassische Ergebnisse durch die AS/AD- Analyse

In der heutigen Diskussion spielen beide Varianten der neoklassischen Synthese keine Rolle mehr. Stattdessen wird die neoklassische Behauptung, sinkende Preise und Löhne führten zu mehr Beschäftigung, in den meisten Lehrbüchern zur Makroökonomie mittels der AS/AD- Analyse abgeleitet. In dieser wird eine steigende gesamtwirtschaftliche Angebotskurve (Aggregate Supply) mit einer fallenden gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve (Aggregate Demand) kombiniert. Dann zeigt die Graphik unmittelbar: Ist die Nachfrage kleiner als das Angebot, genügt ein Senken des Preisniveaus, damit beide bei einer höheren Produktion (und damit Beschäftigung) zum Ausgleich kommen.

Wo aber kommt die Nachfragekurve her? Manche Lehrbücher erzielen sie einfach aus der Aggregation der mikroökonomischen Nachfragefunktion nach den einzelnen Gütern. Dies ist jedoch eine unzulässige Verallgemeinerung, da die mikroökonomische Nachfragefunktionen immer für ein gegebenes Volkseinkommen gelten. Andere Lehrbücher leiten die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion aus dem IS/LM-Diagramm ab (vgl. dazu Kromphardt, 2006, S.186ff) Dabei wird angenommen, die Geldmenge bleibe trotz sinkenden Preisniveaus konstant, sodass über die mit dem Preisniveau sinkende Geldnachfrage der Zinssatz sinkt (sog. Keynes- Effekt).

Diese Annahme einer unveränderten Geldmenge bildet den Schwachpunkt dieser Ableitung, denn der Keynes- Effekt wird für eine konstante nominale Geldmenge abgeleitet, obwohl bei sinkendem Preisniveau die nominale Kreditnachfrage und damit die Geldschöpfung zurückgehen dürften. Auch die Quantitätstheorie hat immer den Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau betont. Nur eine expansive Geldpolitik der Zentralbank könnte dieses aus dem sinkenden Preisniveau resultierende Absinken der Geldmenge verhindern. Führt die Zentralbank eine entsprechende expansive Geldpolitik durch, so ist die Stabilität der Nachfragekurve aber nicht einem Marktautomatismus geschuldet, sondern dem Eingreifen der geldpolitischen Instanzen.

Auf Keynes kann man sich bei dieser Ableitung jedenfalls nicht berufen. Zwar trifft er keine Aussage darüber, wie sich die Geldmenge bei einem sinkenden Preisniveau entwickelt, aber er hält ihr Schrumpfen für durchaus möglich und folgert daraus: „If the quantity of money is itself a function of the wage- and price-level, there is indeed nothing to hope in this direction” (wobei mit „direction“ der positive Beschäftigungseffekt sinkender Preise gemeint ist).

uch die Abkehr der meisten Zentralbanken von der Geldmengenfixierung entzieht dieser Ableitung den Boden.

Der Verlauf der AS-Kurve ist ebenfalls nicht so eindeutig, wie die AS/AD- Graphik suggeriert. Sie wird dort ausschließlich mit steil steigendem Verlauf gezeichnet, obwohl viele Wirtschaftsbereiche durch hohe Fixkosten gekennzeichnet sind, sodass die fixen Stückkosten mit zunehmender Produktion fallen und das Anssteigen der variablen Stückkosten evtl. sogar überkompensieren (vgl. Kromphardt 2006, S.188ff). Aber diese Kurve ist weniger problematisch, weil ihre Lage nur vom Preis- und Lohnniveau, nicht aber von anderen Variablen des Modells abhängt.

Auf die genannten problematischen Punkte beider Kurven geht jedoch fast keins der makroökonomischen Lehrbücher ein. Ihre AS/AD-Analyse endet daher mit einem eindeutigen (gewünschten?) neoklassischen Ergebnis.

Literatur:

Blanchard, „Neoclassical Synthesis“ Beitrag zur 2.Auflage des New Palgrave Dictionary(2007) zu finden in http://www.dictionaryofeconomics.com/Articels.aspx

Clark, John M. (1949), Sondergutachten zum UNO-Gutachten. National and International Measures for Full Employment. New York – zitiert nach Erich Schneider (1961), S. 203.

Keynes, John Maynard (1936), The General Theory of Employment, Interest and Money, London (Macmillan), Wiederabgedruckt in: Keynes, J.M., Collected Writings, Vol. X, London u. New York (Macmillan-St. Martin’s Press), 1973.

Kromphardt, Jürgen (2006) Grundlagen der Makroökonomie 3.Auflage, München (Vahlen)

Modigliani, Franco (1944), Liquidity Preference and the Theory of Interest and Money. Econometrica, Vol. 12, S. 45-88. Wiederabgedruckt in: Lutz, Friedrich/Mints, Lloyd (Hrsg.), Readings in Monetary Theory. London (Allan & Unwin) 1952, S. 186-239.

Morgan, Brian (1978), Monetarists and Keynesians. Their Contribution to Monetary Theory. London/Basingstoke (Macmillan).

Patinkin, Don (1956, 1965, 1989), Money, Interest, and Prices. An Integration of Monetary and Value Theory. 1. Aufl. Evanston, Ill./White Plains, N.Y. (Row, Petersen & Co.) 1956, 2. veränderte Aufl.: New York (Harper & Row) 1965. 2. gekürzte Aufl. Cambridge, Mass./London (MIT-Press). 1989.

Samuelson, Paul (1948 ff), Economics – An Introductory Analysis. New York etc. (McGraw Hill). Ab der 12. Auflage mit William Nordhaus verfasst.

Schneider, Erich (1952 ff), Einführung in die Wirtschaftstheorie, Band III. Geld, Kredit, Volkseinkommen und Beschäftigung. 1. Aufl. 1952, 6. Aufl. 1961, 12. Aufl. 1973. Tübingen (Mohr-Siebeck).

 

 

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