B.I. Weltwirtschaftskrise, Roosevelts „New Deal“ und Keynes‘ Theorie

 

Den historischen Hintergrund des bahnbrechenden Hauptwerks von Keynes (The General Theory of Employment, Interest and Money, London 1936) bildete die Weltwirtschaftskrise, die im Herbst 1929 durch den Börsenkrach an der New Yorker Börse ausgelöst wurde und sich rasch über die ganze Welt verbreitete, mit verheerenden wirtschaftlichen und politischen Folgen: Von 1929 bis 1932 brach insbesondere die industrielle Produktion weltweit massiv ein. Die Arbeitslosenquoten stiegen auf bis dahin ungekannte Höhen: In Deutschland auf 30 %, in den USA auf 25 % und in Großbritannien auf 22 %.

Soweit sich die Wirtschaftspolitik auf die damals herrschende ökonomische Theorie stützte, stand sie dieser Entwicklung hilflos gegenüber; denn diese Theorie lehrte, jede Abweichung von der Vollbeschäftigung löse automatisch Gegenkräfte aus, die die Wirtschaft mehr oder weniger rasch zur Vollbeschäftigung zurückführen, sofern Preise und Löhne flexibel reagieren. Diese Voraussetzung war damals erfüllt: Von 1929 bis 1932 sanken die Löhne in den drei genannten Ländern um mehr als 25 %, um 30 % bzw. um 7 %; die Preise ähnlich stark, nämlich um 24 %, 30 % und 15 %. Aber die Situation verschlechterte sich weiter, und zwar besonders in Deutschland und in den USA, wo Löhne und Preise am stärksten sanken. Viele prominente Ökonomen verließen sich daraufhin nicht mehr auf ihre Theorie, sondern forderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und andere Formen aktiven staatlichen Gegensteuerns. Darunter war auch Pigou (siehe die Rubrik „Herausragende Gegenspieler“), der im Oktober 1932 zusammen mit Keynes und vier anderen Ökonomen in einen Brief an „The Times“ entsprechende Maßnahmen forderte (auszugsweise abgedruckt in J. Kromphardt, Die größten Ökonomen: John Maynard Keynes 1883-1946 – Konstanz/München UVK und UVK-Lucius – 2013 auf S. 63 und vollständig in den „Collected Writings of John Maynard Keynes“, Vol.21, S.138f).

Was fehlte, war eine Theorie, die erklärte, weshalb die wirtschaftliche Entwicklung so desaströs verlief, und aus der sich staatliches Handeln überzeugt begründen ließ. An einer solchen Theorie begann Keynes 1930 zu erarbeiten. Nach mehrjähriger Forschung und Diskussion stellte er in seiner „General Theory“ nicht mehr Preisrelationen und Preisanpassungen in den Mittelpunkt, sondern die Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen, und er begründete, weshalb eine Wiedergewinnung der Vollbeschäftigung nur über eine Erhöhung dieser Nachfrage erreichbar ist, nicht aber über flexible Preise und Löhne (siehe dazu die nachfolgenden Rubriken).

In diesen Jahren nahm Keynes gleichzeitig an der damaligen wirtschaftspolitischen Diskussion teil. Das zeigt nicht nur der eben genannte Brief, sondern u.a. ein Brief an den US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt, den er in der „New York Times“ vom 31.12.33 veröffentlichte. Roosevelt hatte im März 1933 sein Amt von Präsident Hoover übernommen, der die Wahl im November 1932 verloren hatte. Hoover tat wenig gegen die Weltwirtschaftskrise, versuchte trotz der Wirtschaftsmisere den Bundeshaushalt auszugleichen und behauptete im Wahlkampf „Prosperity is just round the corner“.

In seinem Wahlkampf hatte Roosevelt einen „New Deal“ und eine Fülle von Maßnahmen versprochen, die er nach Amtsantritt auch zügig und energisch in Angriff nahm (siehe dazu im Einzelnen Reinhard Blomert, Roosevelts New Deal. Ein Vorgriff auf Keynes‘ General Theory? In: Jürgen Kromphardt, Hrsg., Keynes General Theory nach 75 Jahren. Marburg, Metropolis, S. 219-258).

In seinem Brief versucht Keynes, Präsident Roosevelt dahin zu bringen, im Rahmen seines „New Deal“ die Maßnahmen in den Vordergrund zu rücken, die die Gesamtnachfrage erhöhen, und andere, die Keynes für nicht wirkungsvoll oder nur langfristig wirksam hält, in den Hintergrund treten zu lassen.

Um diesen überaus interessanten Brief, der zeigt, wie weit Keynes und der „New Deal“ auseinander liegen, leichter zugänglich zu machen, hat die Keynes-Gesellschaft ihn übersetzen lassen (von Frau Dr. Katja Rietzler) und ins Netz gestellt: (arrow2Brief vom 31. Dezember 1933).

Über die Gründe für die Tiefe und Länge der Depression in den USA wird bis heute diskutiert. Milton Friedman und Anna Schwarz hatten in ihrer monumentalen „Monetary History oft he United States 1867 – 1960“ (Princeton 1963) hauptsächlich die restriktive Geldpolitik der US-amerikanischen Notenbank verantwortlich gemacht. Dahinter steht die monetaristische Vorstellung (siehe dazu Hauptrubrik D: Die monetaristische Gegenrevolution), die Zentralbank könne über die Zentralbankgeldmenge (die „Geldbasis“) die Geldmenge auch in expansiver Richtung steuern. Die Finanzkrise 2007ff hat jedoch erneut gezeigt, dass die Geldmenge nicht immer auf eine Erhöhung der Geldmenge reagiert.
Die Gegenposition, wonach die US-Zentralbank die Depression, die reale Ursachen hatte, nur nicht verhindern konnte, vertritt u.a. Peter Temin in seinem Buch von 1976 mit dem Titel: „Did Monetary Forces Cause the Great Depression?“ (New York, 1976).
Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die Bedeutung und die Rolle des „New Deal“, mit dem der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt (Amtsantritt 1.3.1933) seine neue Wirtschaftspolitik bezeichnete. Wie oben beschrieben, versuchte Keynes wiederholt, Roosevelt zu einer die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stärkenden Politik zu drängen.
Dafür, dass sich die in den USA ausgebrochene Krise auf fast die gesamte Welt ausbreitete, machen viele Autoren auch das Festhalten der wichtigsten Industriestaaten am Goldstandard verantwortlich (insbesondere Barry Eichengreen: Golden Fetters. The Gold Standard and the Great Depression, 1919 – 1939. New York (Oxford University Press), 1992). Mit seiner Streitschrift „The Economic Consequences of Mr. Churchill“ von 1925 (siehe AII, Monographie Nr. 6) und schon früher hatte Keynes vehement, aber vergeblich, gegen die Rückkehr Großbritanniens zum Goldstandard gekämpft, die dann 1925 erfolgte.
Die im Jahre 2007 vom Zusammenbruch der US-amerikanischen Bank „Lehman Brothers“ ausgelöste weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Interesse an der Weltwirtschaftskrise erneut geweckt und zahlreiche Vergleiche zwischen der aktuellen Krise und der damaligen Weltwirtschaftskrise veranlasst. Auf der Grundlage der Daten und Graphiken von Eichengreen/O’Rourke, A Tale of two Depressions (http://www.voxeu.org./index.php?q=node/3421)) zeigt Jürgen Kromphardt in seinem Beitrag „Finanzmärkte und Realwirtschaft in der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 und in Keynes‘ General Theory“ in dem von Harald Hagemann und Hagen Krämer herausgegebenen Band „Ökonomie und Gesellschaft – Jahrbuch 23: Keynes 2.0 – Perspektiven einer modernen keynesianischen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik“ (Marburg, Metropolis, 2011), dass in der jüngsten Krise der Einbruch bei Produktion und Beschäftigung durch zügige expansive Maßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik rasch aufgefangen werden konnte, im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise – damals wirkten beide Politikbereiche tendenziell kontraktiv.
Da in der heutigen Wirtschafts- und Finanzkrise häufig auf die damalige Weltwirtschaftskrise Bezug genommen wird, ist auch die damalige Diskussion wieder aktuell geworden, denn die Kritik von Keynes hätte sich auch gegen die bis vor kurzem vorherrschende Position in den Wirtschaftswissenschaften gerichtet, die verblüffend den Auffassungen ähnelt, die Keynes vorfand und mit seiner Theorie in Frage stellte. Zunächst verlief die heutige wirtschaftspolitische Diskussion überwiegend anders als damals, aber bei einigen Arbeitgebervertretern, ihnen nahe stehenden Politikern und einigen wirtschaftswissenschaftlichen Theoretikern ertönt schon wieder der Ruf nach Lohn- und Preissenkungen sowie nach Kürzungen bei den Sozialtransfers, um den Staatshaushalt (immerhin erst nach der Krise) trotz gleichzeitig angekündigter oder geforderter Steuersenkungen wieder auszugleichen.

 

 

Literaturhinweise

Ein sehr flüssig und spannend geschriebener Überblick über die Weltwirtschaftskrise gewinnt man durch das Buch von Florian Pressler „Die erste Weltwirtschaftskrise. Eine kleine Geschichte der Großen Depression.“, dass 2013 in der Beck’schen Reihe (München) erschienen ist. Es umfasst auch die Vorgeschichte (die 1920er Jahre) und die Wege, auf denen die wichtigsten Industrienationen (insbesondere die USA, Großbritannien und Deutschland) mehr oder minder erfolgreich aus der Krise herausfanden. Pressler stellt nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch die politischen Hintergründe plastisch dar. Der Autor beschränkt sich auf wenige, aber zentrale quantitative Daten (wie z.B. die Arbeitslosenzahlen). Es kommt ohne Tabellen und Graphiken aus. Die zwischen orthodoxen Ökonomen, Monetaristen und Keynesianern strittigen gesamtwirtschaftlichen Aspekte schimmern an vielen Stellen durch und werden in einigen Abschnitten zusammenhängend diskutiert.

Ähnlich flüssig und auch anschaulich geschrieben ist das Buch „The Great Depression in Europa, 1929-1939“ (Basingstoke, Macmillan, 2000) von Patricia Clavin, das sich stärker auf Europa konzentriert, aber die Entwicklung in den USA nicht ausklammert.
Stärker auf die Jahre der Weltwirtschaftskrise 1929-1933 konzentriert sich Charles Kindleberger in seinem Standardwerk „Die Weltwirtschaftskrise“: Dieses ist als Band 4 der „Geschichte der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert“ im Deutschen Taschenbuchverlag (München) 1973 erschienen.
Auslöser der Weltwirtschaftskrise 1929 war – ähnlich wie 2008 bei der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008ff – der „Crash“ der New Yorker Börse ab Oktober 1929. Dessen Ursachen und Verlauf beschreibt ausführlich John Kenneth Galbraith in „Der große Krach: Ursachen, Verlauf, Folgen“ (Stuttgart / Seewald 1963)
Eine kurze, aber faktenreiche Darstellung der Entwicklung in Deutschland von der Hyperinflation (1921-23) bis zur Weltwirtschaftskrise bietet auf 170 Seiten Fritz Blaich, Der Schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise (München, dtv, 1985). Dabei gibt der Untertitel den Inhalt besser wieder.
Wesentlich umfangreicher ist das Buch von Harold James „Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924 – 1936, erschienen 1988 bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart (das Orginal erschien 1986 als „The German Slump“ in Oxford). Großen Raum nehmen auf den knapp 500 Seiten die Vorgeschichte seit dem Ende der Hyperinflation und die wirtschaftstheoretische Auseinandersetzung um die Krise ein. Ein abschließendes Kapitel behandelt die Überwindung der Arbeitslosigkeit im Dritten Reich.
Ein detailliertes Bild der damaligen wirtschaftlichen und damit verbundenen politischen Entwicklung in den wichtigsten westlichen Industriestaaten liefert das Buch von Derek Aldcroft „Die zwanziger Jahre. Von Versailles zur Wallstreet“, das als Band 3 der „Geschichte der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert im Verlag dtv 1978 veröffentlicht wurde.

 

 

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