E.II Rolle und Gestalt des Arbeitsmarktes

 

1. Der Arbeitsmarkt in Keynes’ „General Theory“

2. Der Irrweg der neoklassischen Synthese

3. Der Arbeitsmarkt bei unvollständiger Konkurrenz

4. Das komplettierte Arbeitsmarktmodell

5. Ursachen der Arbeitslosigkeit im komplettierten Arbeitsmarktmodell

6. Gegen die Vereinnahmung des Referenzmodells durch die Neoklassik

7. Zur Rezeption des Referenzmodells in den Lehrbüchern

8. Relevanz der Reallohnschranke in Deutschland

9. Nominallohnniveau im internationalen Vergleich

10. Fazit

 

1. Der Arbeitsmarkt in Keynes’ „General Theory“
In der Theorie von Keynes (1936/2009) wird die Entwicklung von Produktion und Beschäftigung vor allem durch den Geld- und Gütermarkt bestimmt – abgesehen von der strukturellen Arbeitslosigkeit, die auf Diskrepanzen in der Struktur des Angebots und der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen ist. Der Arbeitsmarkt ist also nachrangig. Auch deswegen hat sich Keynes in seinem Hauptwerk (1936) vorrangig mit dem Gütermarkt und dem Geldmarkt befasst und ist auf den Arbeitsmarkt nur knapp und bruchstückhaft eingegangen. Hicks (1937) hat diesen in seiner berühmten Darstellung der Theorie von Keynes mithilfe des IS/LM-Modells ganz weggelassen und nur den Güter- und den Geldmarkt auf zwei einfache, verständliche Gleichgewichtsbeziehungen reduziert. Daher fand der Arbeitsmarkt in den Lehrbuchdarstellungen, die sich alle an dem IS/LM-Modell von Hicks orientierten, über Jahrzehnte hinweg überhaupt keine Beachtung. Vielmehr beschränkte man sich auf den Hinweis, dass sich bei veränderter Produktionsmenge auch die Nachfrage der Unternehmer nach Arbeitskräften verändert. Dabei wurde der Einfachheit halber meistens eine proportionale Beziehung zwischen Produktion und Arbeitseinsatz unterstellt.

Für diese Beziehung hatte Keynes das altehrwürdige Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag eines Faktors (bei konstantem Einsatz aller anderen Faktoren) übernommen, demzufolge das Grenzprodukt der Arbeit mit zunehmender Beschäftigung zurückgeht. Daher steigen bei gegebenem Lohnniveau mit steigender Produktion die Grenzkosten an, weil für jede zusätzliche Produktionseinheit eine größere Menge Arbeitseinsatz erforderlich ist. Keynes folgerte daraus, dass bei steigender Beschäftigung die Preise leicht ansteigen müssten. Von diesen Überlegungen distanzierte er sich allerdings bereits drei Jahre später in seinem Aufsatz „Relative Movements of Real Wages and Output“ (Keynes, 1939), weil inzwischen empirische Untersuchungen vorlagen, wonach sich im Konjunkturverlauf – bei zunehmender und anschließend abnehmender Beschäftigung – die Arbeitsproduktivität fast gar nicht verändert und entsprechend weder die Preise noch die Reallöhne. Keynes bedauerte, die klassische Position übernommen zu haben, da sie der neoklassischen Interpretation des Zusammenhangs zwischen Reallohn und Beschäftigung Vorschub leiste.

Des Weiteren übernahm Keynes das Grundpostulat der klassischen Theorie, wonach der Lohn dem Grenzertrag der Arbeit gleich ist, allerdings macht er eine Einschränkung für den Fall unvollkommenen Wettbewerbs (Seite 5 der 11.Auflage mit der korrigierten Übersetzung von 2009): „… der Lohn eines beschäftigten Menschen ist gleich dem Wert, der verloren ginge, wenn die Beschäftigung um eine Einheit vermindert würde (nach Abzug aller anderen Kosten, die durch diese Verminderung der Produktion vermieden würden), jedoch unter dem Vorbehalt, dass die Gleichheit in Übereinstimmung mit gewissen Grundsätzen bei unvollkommenem Wettbewerb und Märkten verletzt werden kann.“Leider hat Keynes diesen Aspekt nicht weiter vertieft.

Keynes akzeptiert also die Vorstellung, dass der Unternehmer als Gewinnmaximierer handelt und daher nur so lange jemanden einstellt, wie der zusätzliche Ertrag, den er aus der Beschäftigung dieser Person erzielt, größer ist als der Lohn, den er zahlen muss. Einige Seiten weiter (1936/2009, S. 15) erläutert Keynes eine Konsequenz aus diesem Grundpostulat: „Es bedeutet, dass – bei gegebener Wirtschaftsordnung, Ausrüstung und Technik – Reallöhne und Produktionsmenge (und daher die Beschäftigungsmenge einzigartig miteinander verknüpft sind ( uniquely correlated- die deutsche Übersetzung ist an dieser Stelle etwas irreführend), so dass im Allgemeinen die Beschäftigung nur zunehmen kann, wenn die Reallöhne gleichzeitig fallen weil die Wirtschaft in der kurzen Periode…mit abnehmenden Ertrag ( der Arbeit) arbeitet. Wenige Jahre später hat Keynes (1939) Bedenken geäußert , nachdem einige Autoren gezeigt hatten, dass mit zunehmender Beschäftigung häufig auch die Reallohne steigen (statt zu fallen). Dies hätte seine Argumentation erheblich erleichtert.

 

2. Der Irrweg der neoklassischen Synthese
Auch infolge der eingeschränkten Analyse konnte der Ansatz Erfolg haben, das Keynes’sche System der Geld- und Gütermärkte (also das IS/LM-Modell) mit einem neoklassischen Arbeitsmarkt zu verknüpfen (s. Rubrik Neoklassische Synthese). Auch von vielen Keynesianern wurde er positiv aufgenommen. Durch diese Verknüpfung tritt jedoch bei der Arbeitsnachfrage an die Stelle der Wechselwirkung eine einseitige Wirkungsrichtung (die Reallöhne bestimmen die Beschäftigung). Diese Wirkungsrichtung bleibt jedoch nur dann als einzige übrig, wenn vollständige Konkurrenz auf allen Märkten herrscht; denn nur bei dieser Marktform ist für den einzelnen Anbieter die Nachfrage irrelevant – er kann zum herrschenden Preis jede von ihm gewünschte Menge kaufen. Der Zusammenhang ist negativ wegen des abnehmenden Grenzertrages der Arbeit: Je höher der Reallohn, desto weniger lohnt es sich, Arbeitskräfte zu beschäftigen.

Auf der Seite des Arbeitsangebots wird in der neoklassischen Synthese das Arbeitskräfteangebot positiv mit dem Reallohn verknüpft: Je höher der Reallohn, desto mehr lohnt es sich zu arbeiten und desto mehr Leute möchten mehr Arbeitsstunden leisten. Diesem als Substitutionseffekt bezeichneten Einfluss steht jedoch der Einkommenseffekt gegenüber: Je höher der reale Stundenlohn, und damit das Realeinkommen, desto mehr Freizeit kann und möchte sich der Betreffende leisten.

Da die beiden Kurven gegenläufig verlaufen, gibt es immer einen Schnittpunkt. Folglich finden bei flexiblen Löhnen immer alle Personen, die zu dem jeweils herrschenden Reallohn arbeiten möchten, eine Erwerbstätigkeit. Diesem Grundmodell fehlt jedoch auf beiden Marktseiten die mikroökonomische Grundlage, weil in modernen Industriegesellschaften fast nirgends vollständige Konkurrenz besteht und weil für das Arbeitsangebot nicht nur der Substitutionseffekt, sondern auch der Einkommenseffekt relevant ist. Um diese beiden Kritikpunkte einzubeziehen, ist im Laufe der letzten Jahre ein Arbeitsmarktmodell entwickelt worden, das die unvollständige Konkurrenz auf den Arbeits- und Gütermärkten von Anfang an berücksichtigt.

 
3. Der Arbeitsmarkt bei unvollständiger Konkurrenz

Für die Analyse des Arbeitsmarktes bei unvollständiger Konkurrenz auf dem Arbeits- und Gütermarkt entwickelten in den 1980‘er Jahren Arbeitsmarktökonomen ein neues Arbeitsmarktmodell, das auf Ideen von Layard/Nickell (1986) basiert und von Layard/Nickel/Jackman (1991) sowie vor allem von Carlin/Soskice (1990) weiterentwickelt wurde. Charles Bean (1994) sowie Wolfgang Franz (1996) verwenden es in ihren Übersichtsaufsätzen zu den Ursachen der Arbeitslosigkeit sowie Franz (2013) in seinem Lehrbuch zur Arbeitsmarktökonomie. Er bezeichnet es 1996 als „arbeitsmarkttheoretisches Referenzmodell“ und stellt es ausführlich dar. Sesselmeier/Funk / Waas (2010)) bezeichnen dieses Modell als „Konsensmodell“, behandeln es aber nur ganz kursorisch.

In diesem Modell wird auf der Seite der Arbeitsanbieter zwischen der aggregierten individuellen Angebotskurve und der kollektiven Lohnsetzungskurve unterschieden; dabei berücksichtigt letztere, dass Löhne überwiegend nicht individuell ausgehandelt, sondern in Tarifverträgen kollektiv vereinbart werden. Auf der Seite der Nachfrager nach Arbeitskräften wird nicht nur den kollektiven Lohnverhandlungen Rechnung getragen, sondern auch der unvollständigen Konkurrenz auf den Gütermärkten.

Die aggregierte, individuelle Arbeitsangebotskurve (AA) wird in Abb. 1 als unabhängig vom Reallohn angenommen, da die einzelnen Arbeitsanbieter auf Änderungen der Reallöhne unterschiedlich reagieren, je nachdem, welches Gewicht bei ihnen der Substitutionseffekt bzw. der Einkommenseffekt haben. Dies hat zum Ergebnis, dass der Saldo von Mehr- und Minderangebot an Arbeit bei einer Reallohnänderung unbekannt ist und sich in der Nähe von Null bewegen wird. Franz (1996, S. 6) weist darauf hin, dass diese Vermutung mit den Ergebnissen empirischer Untersuchungen, die meistens eine geringe Reallohnelastizität des Arbeitsangebots ermitteln, ziemlich gut übereinstimmt.

Die Lohnsetzungskurve (LS in Abb. 1) gibt an, welchen Reallohn die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften bei alternativen Beschäftigungsniveaus durchsetzen wollen. Dabei wird vermutet, diese Kurve habe einen ansteigenden Verlauf, weil sich bei besserer Beschäftigungssituation ihre Verhandlungs-position deutlich verbessert. Werden die Nominallohnsteigerungen, die mit einer steigenden Beschäftigung einhergehen, voll überwälzt, so ändert sich an den Reallöhnen gar nichts. Wenn – wie in offenen Volkswirtschaften zu vermuten – eine volle Überwälzung nicht möglich ist, ergeben sich bei steigenden Nominallöhnen auch steigende Reallöhne und die LS-Kurve hat den von allen Autoren angenommenen steigenden Verlauf.

Hervorzuheben ist, dass gegenüber der Arbeitsangebotskurve die Ursache-Wirkungs-Beziehung umgedreht ist: Während dort die Höhe des Reallohns das Arbeitsangebot bestimmt, bestimmt hier das Beschäftigungsniveau den Reallohn, den die Arbeitnehmer mittels der Gewerkschaften durchsetzen wollen. Carlin/Soskice (1990, S. 138f) haben diese Kurve als „Kurve des verhandelten Reallohns“ bezeichnet, weil sie angibt, welchen Reallohn die Arbeitnehmer in den Tarifverhandlungen auf der Basis der von ihnen vermuteten Preisentwicklung ausgehandelt zu haben meinen. Es kann durchaus geschehen, dass die Inflationsrate sich anders entwickelt als angenommen

 

Figur1

Quelle: Franz (1996, S.5 mit teilweise geänderten Kurvenbezeichnungen)

 

Soweit die Seite der Arbeitnehmer und ihres Arbeitsangebots. Ihre Darstellung in Abb.1 ist – sofern das Modell überhaupt verwendet wird – wenig kontrovers. Anders sieht es mit der Nachfragseite aus. Dort ist Vieles umstritten, widersprüchlich, problematisch und wirft noch viele Fragen auf. Graphisch wird sie durch eine Kurve dargestellt, bei der – ebenso wie bei der Lohnsetzungskurve – die Wirkungsrichtung von der Beschäftigung zum Reallohn verläuft. Es ist allerdings ziemlich unklar, was genau die PS-Kurve angeben soll. Das zeigt sich schon an den unterschiedlichen Bezeichnungen für sie: Bean(1994) nennt sie die „price employment curve“, Carlin/Soskice präziser die „price-determined real wage curve“. Franz (1996, S.5) wählt das wenig passende Kürzel WD-Kurve (wohl für „wage demand“) und wählt 2013 (S. 378) das Kürzel LD. Im Widerspruch dazu interpretiert er sie für den hier relevanten Fall der unvollständigen Konkurrenz als Preissetzungskurve (daher wird sie meistens ( so auch in Abb.1) als PS-Kurve bezeichnet). Diese spiegele das Preissetzungsverhalten von Firmen in Abhängigkeit des Arbeitseinsatzes wider: „Eine höhere Beschäftigung führt zu höheren Preisen und damit bei gegebenem Nominallohn zu einem niedrigeren Reallohn‘‘ Franz, 1996, S.6. Dahinter steht offenbar folgliche zeitliche Abfolge. Zunächst wird in den Tarifverhandlungen der Nominallohn ausgehandelt. Danach setzen die Unternehmen ihre Preise fest. Je höher die Beschäftigung, desto höher sind wegen der unterstellten steigenden Grenzkosten die Preise.

Der Verlauf der PS-Kurve wird bei dieser Wettbewerbssituation also nicht nur vom Grenzprodukt der Arbeit, sondern auch vom Preissetzungsverhalten der Unternehmen bestimmt, für das in diesem Modell eine Zuschlagskalkulation mit einem variablem Aufschlag angenommen wird.

Die PS-Kurve wird meistens mit fallendem Verlauf gezeichnet, obwohl dieser nicht zwingend ist. Ein fallendes Grenzprodukt der Arbeit ergibt sich nur, wenn die zunehmende Beschäftigung bei konstantem Kapitaleinsatz erfolgt, die Maschinenlaufzeiten also nicht verlängert werden oder wenn bislang stillgelegte Maschinen für die neu eingestellten Arbeitskräfte wieder in Betrieb genommen werden und diese eine unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit aufweisen (weil solche Maschinen bei abnehmender Beschäftigung als erste stillgelegt wurden).

Ein fallendes Grenzprodukt der Arbeit verringert bei zunehmender Beschäftigung den Spielraum für die Höhe des Reallohns. Weniger eindeutig ist die Wirkung des variablen Aufschlagsfaktors bei der Zuschlagskalkulation. Es ergibt sich ein fallender Verlauf der PS-Kurve selbst bei konstantem Grenzprodukt der Arbeit, wenn der Zuschlagssatz – wie Franz (1996, S. 5f) vermutet – positiv mit der Beschäftigung korreliert ist. Carlin/Soskice (1990, S. 140f) meinen dagegen, der Aufschlag werde mit steigender Beschäftigung zurückgehen. In seiner ökonometrischen Untersuchung für den Zeitraum 1970 bis 1990 kommt Linnemann (1999) passend zu Carlin/Soskice zu dem Ergebnis, der Aufschlag verändere sich antizyklisch: Je höher die Beschäftigung, desto niedriger der Aufschlag. Ein Argument für dieses Preissetzungsverhalten könne in den bei hohen Fixkosten degressiven Stückkosten vermutet werden. Bean (1994, S. 599) verweist auf empirische Studien, die darauf hindeuten, dass die PS-Kurve ziemlich flach verlaufe.

Bei unvollständiger Konkurrenz auf den Gütermärkten ist die PS-Kurve keine Arbeitsnachfragekurve, denn ihre Wirkungsrichtung ist jener Kurve genau entgegengesetzt. Weil eine solche Kurve fehlt, ist das von Franz präsentierte Arbeitsmarktmodell unvollständig. Das Fehlen einer Arbeitsnachfragekurve hat viele Lehrbuch-Autoren (s. dazu Abschnitt 7) dazu verleitet, die PS-Kurve dann doch wieder implizit als eine solche zu behandeln und zu behaupten, der Schnittpunkt zwischen der LS-Kurve und der PS-Kurve bestimme die Beschäftigung. So legt Franz (1996,S. 6) dar, dass bei voller Reallohnflexibilität (keine kollektiven Lohnabschlüsse) Vollbeschäftigung im Schnittpunkt von PS-Linie und AA-Gerade realisiert wäre. Kollektive Lohnverhandlungen dagegen führten zu Arbeitslosigkeit, da nur die Beschäftigung A* erreicht werde.

Bei genauer Betrachtung der Begründungen, die für den Verlauf der beiden Kurven aufgeführt werden, gibt deren Schnittpunkt jedoch diejenige Beschäftigungsmenge an, bei der vereinbarter und realisierter Reallohn übereinstimmen, sodass Gleichgewicht herrscht zwischen den Verteilungsansprüchen der Arbeitnehmer und der Unternehmer. Bei einer Beschäftigung rechts von A* würden die Unternehmen den vereinbarten Reallohn nachträglich durch Preissteigerungen korrigieren. Geht man davon aus, dass diese Korrektur wiederum die Arbeitnehmer zu höheren Nominallohnforderungen veranlasst, die sie auch durchsetzen, so wird eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt. Wenn – wie zu erwarten – die Zentralbank ihrerseits mit einer restriktiven Politik reagiert, geht die Beschäftigung auf A* zurück. Insofern entspricht die zu A* gehörende Arbeitslosigkeit der NAIRU.

Darüber, was bei einer Beschäftigung unterhalb von A* geschieht, schweigt sich die Literatur weitgehend aus. Im Analogieschluss müsste man behaupten, dass bei A < A* die Unternehmen die Preise gegenüber den erwarteten Werten ständig absenken, sodass die Reallöhne höher als erwartet ausfallen; doch dies scheint so wenig realitätsnah zu sein, dass man darüber lieber nichts sagt. Möglicherweise sind die Autoren auch so sehr in der neoklassischen Denkweise gefangen, wonach bei Arbeitslosigkeit die Löhne immer zu hoch sind und zu inflationären Prozessen führen, dass sie den Fall A < A* nicht für relevant halten. Analysiert man das Geschehen bei A < A* nicht, so kann man auch keinen Mechanismus beschreiben, der die Volkswirtschaft aus der Unterbeschäftigungssituation zu A* bringt. Die Existenz dieses Schnittpunktes mitsamt dem dazugehörigen Verteilungsgleichgewicht beweist noch nicht die Stabilität dieses Gleichgewichts und damit das Bestehen von Kräften, die zur Realisierung von A* führen. Um diesem Kritikpunkt Rechnung zu tragen, muss das „arbeitsmarkttheoretische Referenzmodell“ komplettiert werden. Wenn in ungünstigen Beschäftigungssituationen (A 4. Das komplettierte Arbeitsmarktmodell

Da die PS-Kurve keine Arbeitsnachfragekurve ist, muss das Modell durch eine solche Kurve ergänzt werden. Bei Franz bleibt hier eine Lücke, sie lässt sich aber mit Hilfe der Aussage von Carlin/Soskice (1990, S. 159) füllen, wonach die Nachfrage nach Arbeit (AN) von der Güternachfrage bestimmt wird.
„In the imperfect competition model, output, y, is fixed by the demand for output. The level of output in the economy depends on the level of aggregate demand in the IS/LM diagram, and this, via the short-run production function, determines the level of employment.“

Daraus folgt eine Schar von senkrechten Kurven der Nachfrage nach Arbeit (AN) für alternative Niveaus der Güternachfrage. Diese Kurven sind allerdings nur bis zur PS-Kurve gültig.
Das vollständige Arbeitsmarktmodell kann nun in Abb. 2 dargestellt werden:

 

Figur2

Fig. 2 Der Arbeitsmarkt im vervollständigten Arbeitsmarktmodell

 

5. Ursachen der Arbeitslosigkeit im komplettierten Arbeitsmarktmodell

Im vervollständigten Referenzmodell, in dem unverändert die strukturelle Arbeitslosigkeit im Sinne von friktioneller und Mismatch-Arbeitslosigkeit nicht explizit betrachtet wird, kann die Arbeitslosigkeit nur zwei unterschiedliche Ursachen haben: Das Reallohnniveau kann die Beschäftigung begrenzen und damit ein Hemmnis für eine Beschäftigungsexpansion bei steigender Güternachfrage darstellen, oder die Güternachfrage stellt die entscheidende Begrenzung dar. Welche Ursache relevant ist, hängt von der Lage der Lohnsetzungskurve im Verhältnis zur Preissetzungskurve und von der Lage der AN-Kurve im Verhältnis zur AA-Kurve ab.

Um dies zu verdeutlichen, sind in Abb.2 zwei unterschiedliche Lohnsetzungskurven eingezeichnet. Die eine liegt niedrig und schneidet die PS-Kurve erst kurz vor Erreichen der Vollbeschäftigung. In diesem Fall würde eine Expansion der Arbeitsnachfrage aufgrund verbesserter Absatzaussichten auf den Gütermärkten bis zu diesem Schnittpunkt zu höherer Beschäftigung führen. Das Lohnniveau stellt dafür kein Hindernis dar; denn der für die Unternehmen hinnehmbare Reallohn liegt höher als der mit den Arbeitnehmern vereinbarte. Ein weiterer Anstieg der Arbeitsnachfrage über den Schnittpunkt der PS- und LS-Kurve hinaus würde nicht zu mehr Beschäftigung führen; dies scheitert an der Unvereinbarkeit von Lohnwünschen der Arbeitnehmer und Zahlungsbereitschaft der Arbeitgeber. Stattdessen ergäbe sich eine Lohn-Preis-Spirale, die vermutlich anschließend eine geldpolitische Restriktion hervorruft, durch die die Arbeitsnachfrage wieder reduziert wird. Dies macht deutlich, dass der Schnittpunkt von LS- und PS-Kurve die minimale Arbeitslosenquote bestimmt, bei der die Inflationsrate konstant bleibt (mit anderen Worten die NAIRU).

Liegt die Arbeitsnachfrage genau auf dem Niveau der NAIRU oder darunter, so kann aufgrund der Wirkungsrichtung bei der LS- und der PS-Kurve eine Lohnsenkung, also eine Verschiebung der LS-Kurve nach unten, nicht der Motor für mehr Beschäftigung sein, sie kann nur den Spielraum für mehr Beschäftigung vergrößern. Die Beschäftigungszunahme selbst muss von den Gütermärkten angestoßen werden, auf denen eine Mehrnachfrage eine höhere Produktion auslöst, für die mehr Arbeitskräfte oder Arbeitsstunden benötigt werden.

Anders liegen die Dinge, wenn die weiter oben gelegene Lohnsetzungskurve gilt, die die Preissetzungskurve bereits bei einer Beschäftigung schneidet, die niedriger ist als die aktuelle Arbeitsnachfrage. In einer Volkswirtschaft, die durch diese Kurven zutreffend beschrieben wird, kann die Arbeitsnachfrage nicht voll, sondern nur in Höhe des Schnittpunkts befriedigt werden, weil sich die Ansprüche der Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht in Übereinstimmung bringen lassen. Dies gilt auch für jede weitere Erhöhung der Arbeitsnachfrage, deren potentieller Beschäftigungseffekt ebenso an dieser Nichtvereinbarkeit scheitert. Hier stellt das Lohnniveau ein Hemmnis für mehr Beschäftigung dar. Wird diese Nichtvereinbarkeit ex ante nicht erkannt und die Beschäftigung in Höhe der Arbeitsnachfrage realisiert, so wird die NAIRU unterschritten und es entsteht ein inflationärer Prozess.

Man kann diese beiden Situationen auf dem Arbeitsmarkt auch dadurch charakterisieren, dass bei der gegebenen AN-Kurve im Falle der niedrigen Lohnsetzungskurve nachfragebedingte, also keynesianische Arbeitslosigkeit vorliegt, im Falle der höher gelegenen dagegen klassische (reallohnbedingte) Arbeitslosigkeit. Die tatsächliche Lage der Lohnsetzungskurve im Verhältnis zur Preissetzungskurve und ihre Steigungen sind so wenig bekannt, dass keine der beiden Fälle von vornherein ausgeschlossen werden kann. Das Referenzmodell, erst recht das komplettierte, ist also offen für beide Arten von Arbeitslosigkeit.

 

6. Gegen die Vereinnahmung des Standardmodells durch die Neoklassik

Es ist in der Literatur weithin üblich, die LS- und die PS-Kurve – allerdings ohne explizite Begründung – so in das Standardmodell zu zeichnen, dass der Reallohn die Beschäftigung bereits bei sehr hoher Unterbeschäftigung begrenzt (siehe Franz, 1996, aber auch Berthold/Fehn, 2000 sowie Beißinger/Möller, 2000). Hierdurch wird der Reallohn zur wichtigsten Beschäftigungsgrenze. Darin spiegelt sich die neoklassische Vorstellung wider, es müsse ein markträumendes Lohnniveau geben, dem man durch Lohnsenkungen näher kommen könne. Sie stammt aus einer Analogie zu einem Markt für ein einzelnes Gut, wie er aus der Mikroökonomie geläufig ist.

Diese Vorstellung lässt sich jedoch nicht auf den Arbeitsmarkt übertragen (der ein gesamtwirtschaftlicher Markt ist), weil die Anpassungsmechanismen, die auf einem einzelnen Gütermarkt ablaufen, dort nicht zu erwarten sind: Sinken auf dem Markt für ein einzelnes Gut, z.B. Pralinen, durch verschärften Wettbewerb die Preise, so steigt die Nachfrage nach dem Produkt, weil sich mehr Leute Pralinen leisten können und weil viele Nachfrager von anderen, im Preis unveränderten Produkten auf das billiger gewordene Produkt umsteigen (also substituieren); gleichzeitig geht das Angebot an Pralinen zurück, weil es sich für die Produzenten weniger lohnt, Pralinen zu produzieren. Sie werden lieber verstärkt versuchen, andere Güter anzubieten, die nicht billiger geworden sind. Mit anderen Worten: Angebot und Nachfrage reagieren auf die Preissenkung, so dass die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, die bei dem höheren Preis bestand, verringert wird oder ganz verschwindet.

Auf dem gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarkt dagegen sind beide Reaktionen nicht gegeben. Das Arbeitsangebot reagiert nach übereinstimmenden empirischen Untersuchungen kaum. Es wird zwar immer einige Leute geben, die wegen eines niedrigeren Stundenlohns weniger arbeiten, weil es sich weniger lohnt zu arbeiten, aber es wird mindestens ebenso viele Leute geben, die bei einem niedrigeren Stundenlohn länger arbeiten wollen und müssen, um ihr Monatseinkommen und damit ihren Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Deswegen wird in arbeitsmarktökonomischen Modellen die Arbeitsangebotskurve senkrecht gezeichnet.

Während sich beim Arbeitsangebot die geringe Reaktion auf Lohnänderungen aus den Nutzenüberlegungen der einzelnen Haushalte ergibt, kann die Reaktion der Arbeitsnachfrage nur aufgrund von gesamtwirtschaftlichen Überlegungen bestimmt werden. Zwar eröffnet für den einzelnen Unternehmer eine spezifische Verringerung der Löhne und damit der Lohnkosten in seinem Unternehmen die Möglichkeit, die Lohnkostensenkung in den Preisen weiterzugeben und die Produktion in der Hoffnung auszuweiten, bei niedrigeren Preisen mehr von seinen Produkten verkaufen zu können. Wenn es sich jedoch um eine allgemeine Lohnsenkung handelt, dann werden alle Produkte billiger; somit entfällt die Anpassung durch Substitution. Die Güternachfrage steigt aber auch nicht aufgrund gestiegenen Realeinkommens.

Eine allgemeine Preissenkung würde zwar den realen Wert eines gegebenen nominalen Einkommens erhöhen, aber dieser verändert sich: Sinkt das Preisniveau im Ausmaß der allgemeinen Lohnsenkung, so sinken alle nominalen Größen, die realen Einkommen aber bleiben konstant und können keine Mehrnachfrage nach Gütern hervorrufen. Sinkt – was realistisch ist – das Preisniveau weniger als das Lohnniveau, so kommt es zu einer Einkommensumverteilung: Das Realeinkommen der Arbeitnehmer sinkt, das Realeinkommen der Unternehmen steigt. Erstere werden weniger Konsumgüter kaufen (aber welche?), die Unternehmerhaushalte eventuell mehr (aber welche?). Welche Güter von der Einkommensumverteilung profitieren und welche nicht, ist ungewiss. Daher ist auch ungewiss, ob die Investitionen der Unternehmen steigen.

Angesichts dieser Ungewissheit wird ein rational handelnder Unternehmer zunächst abwarten, wie sich sein Absatz entwickelt und nicht gleich neue Arbeitskräfte einstellen, um mehr zu produzieren. Dann aber wird die Minderung des Einkommens der bislang Beschäftigten auch nicht dadurch kompensiert, dass neu eingestellte Arbeitnehmer über mehr Einkommen verfügen als vorher. Insgesamt wird sich die Güternachfrage nicht erhöhen, eventuell sogar sinken. Es ist daher nicht damit zu rechnen, dass die Arbeitsnachfrage auf eine Lohnsenkung so reagiert, wie die Nachfrage nach einzelnen Gütern auf eine Preissenkung.

Obwohl bei unvollständiger Konkurrenz für die Unternehmen die erwartete Nachfrage nach ihren Produkten die entscheidende Bestimmungsgröße für ihr Produktions- und Beschäftigungsniveau ist, wird vor allem in der deutschen wirtschaftspolitischen Diskussion die Bedeutung der Güternachfrage zu wenig gewürdigt. Die Möglichkeit einer dauerhaften Schwäche der Güternachfrage wird sogar meistens bestritten. In der internationalen Diskussion wird dem Einfluss der Güternachfrage für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt dagegen eine größere Bedeutung beigemessen. Insbesondere betonen ausländische Beobachter verstärkt, dass Deutschland auch unter einer Nachfrageschwäche leidet, die zu Wachstumsdefiziten führt und von diesen weiter verstärkt wird. Zu nennen sind hier vor allem das „Economists’ Manifesto on Unemployment in the European Union“ von Modigliani u.a. (1998), das von vielen renommierten Ökonomen mitgetragen wird, sowie Krugman (1999), Modigliani (1995) und Solow (2000). Sie alle betonen die Notwendigkeit des kombinierten Einsatzes von Angebots- und Nachfragepolitik und entsprechen damit dem berühmten Diktum von Paul Samuelson: „The Lord gave us two eyes to watch both sides – demand and supply“ (zitiert nach Landmann, 2011, S.93).Landmann ( 2011) propagiert diese Sichtweise ebenfalls.

Auch bei den in den USA dominierenden Vertretern der „New Keynesian Economics“ (siehe dazu den Sammelband von Mankiw/Romer, 1991) spielt die Güternachfrage für die Entwicklung auf den Arbeitsmärkten eine große Rolle. Zusätzlich leitet Stiglitz (1988) aus Überlegungen über die Bedeutung der Kreditvergabe und –rationierung (und nicht der Geldmenge) für die Konjunkturentwicklung weitere Gründe dafür ab, dass Unternehmen auf Nachfrageänderungen eher mit Mengen- als mit Preisänderungen reagieren; auch bei ihm schlagen Änderungen bei der Güternachfrage auf den Arbeitsmarkt durch.

 

7. Zur Rezeption des Referenzmodells in den Lehrbüchern
Da das Referenzmodell das einzige ist, das die nun seit mehr als hundert Jahren bestehenden Wettbewerbsbeschränkungen auf den Arbeitsmärkten von Anfang an (und nicht nur nachträglich als Friktion) berücksichtigt, sollte man meinen, dass man es in allen Lehrbüchern findet, die den Arbeitsmarkt behandeln. Eine Lektüre der deutschsprachigen Lehrbücherzeigt zeigt für drei Kategorien:

a) Bei Büchern, die sich auf die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungstheorie konzentrieren, ist dies auch überwiegend der Fall. Unter den deutschsprachigen Lehrbüchern zur Arbeitsmarktökonomie analysieren Franz (2013) den Arbeitsmarkt in Abschnitt 9.2. (Theoretische Ursachenanalyse) und Landmann/Jerger (1999) in Abschnitt 4.2. Sesselmeier u.a. (2014) ziehen im letzten Kapitel ebenfalls für die Analyse des Arbeitsmarkts das Referenzmodell heran. Von diesen drei Autoren stellen nur Landmann/Jerger außer der neoklassischen (lohnniveaubedingten) Arbeitslosigkeit auch die keynesianische Arbeitslosigkeit dar, die auf eine zu niedrige Güternachfrage zurückzuführen ist.

Wagner/Jahn (2004) dagegen kennen nur den neoklassischen Arbeitsmarkt, auf dem die beiden Kurven des Arbeitsangebots und der Arbeitsnachfrage, die beide reallohnabhängig sind, die Höhe von Lohnsatz und Beschäftigung bestimmen. Wettbewerbsbeschränkungen auf dem Arbeitsmarkt werden nur als Friktionen betrachtet, die es zu verringern gilt (z.B. durch Schwächung der Tarifbindung).
Das neue englischsprachige Lehrbuch von Boeri/von Ours (2013) trägt sogar den unvollkommenen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt im Titel, behandelt das Referenzmodell aber nicht,im Gegensatz zu Carlin/Soskice (2006).

b) In den meisten Lehrbüchern zur Makroökonomie werden die Wettbewerbsbeschränkungen auf dem Arbeitsmarkt als Abweichungen vom (neoklassischen) Grundmodell behandelt und ihre angeblich negativen Folgen erörtert. Das Referenzmodell wird dabei in den Lehrbüchern zur Makroökonomie von Arnold (2009) und Burda/Wyplosz (2003) nicht erwähnt.

Anders ist dies bei Blanchard/Illing (2006). Sie analysieren den Arbeitsmarkt anhand des Referenzmodells. Arbeitslosigkeit aufgrund zu geringer Güternachfrage kann bei ihnen zwar kurzfristig auftreten, verschwindet jedoch wieder in der mittleren Frist ohne nähere Erklärung. In meinem Lehrbuch „Arbeitslosigkeit und Inflation“ von 1998 habe ich bereits das Referenzmodell von Franz (1996) aufgegriffen und wie hier interpretiert und modifiziert.

c) Fast alle Lehrbücher zur Volkswirtschaftslehre beschränken sich darauf, den neoklassischen Arbeitsmarkt zu erläutern und graphisch zu veranschaulichen. Dies gilt z.B. für die Lehrbücher von Siebert(2000), Woll,(2003) und Samuelson/Nordhaus (2005).

Selbst ein Nationalökonom, der dem Mainstream in vielen Punkten sehr kritisch gegenübersteht wie Joseph Stiglitz beschränkt sich in Stiglitz/Walsh (2013) darauf, das neoklassische Grundmodell in der Weise zu modifizieren, dass die aggregierte Arbeitsangebotskurve als Senkrechte verläuft (s. dort, S.65). Die fallende Arbeitsnachfragekurve bleibt erhalten und damit alle Konsequenzen der neoklassischen Arbeitsmarktanalyse. Ähnliches gilt für Bofinger (2007), der das Referenzmodell nicht behandelt.

Anders ist dies bei Baßeler u.a. (2010). Sie behandeln in Abschnitt 26.3 die Kombination von LS- und PS-Kurve, setzen aber die PS-Kurve mit der Arbeitsnachfragekurve gleich und behaupten in neoklassischer Manier, bei unfreiwilliger Arbeitslosigkeit seien die Reallöhne zu hoch und eine Verringerung der Lohnansprüche würde die Arbeitslosigkeit verringern.

Bei Mankiw (2011) gibt es weder das Stichwort Arbeitsmarkt noch das Stichwort Referenzmodell. Er verwendet stattdessen die Theorie von Keynes (ohne Arbeitsmarkt) für die kurze Frist. Für die lange Frist gilt die (neo-)klassische Theorie bei ständiger Vollbeschäftigung. Eine Verbindung wird nicht hergestellt.

Den Versuch, der Suggestivwirkung des neoklassischen Grundmodells einen ebenso anschaulichen keynesianischen Arbeitsmarkt entgegenzusetzen, unternehmen unter den Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre nur Heine/Herr (2013). Sie präsentieren die nachstehende Abb., die sie mit dem Titel „Der keynesianische Arbeitsmarkt im neoklassischen Arbeitsmarktdiagramm“ versehen, beschränken sich allerdings auf die Arbeitsnachfragekurve und die Arbeitsangebotskurve, die sie beide als Senkrechte zeichnen. Die beiden Kurven schneiden sich nicht, sodass das Lohnniveau nicht erklärt werden kann. Diese Lücke verlangt nach einer Schließung durch das LS/PS-Diagramm.

 

Abb. 3 Der keynesianische Arbeitsmarkt im neoklassischen Arbeitsmarktdiagramm


Quelle: Heine/Herr (2013), S.420

 

Der Titel der Abb. 3 ist insofern irreführend, als die Neoklassik ein Reallohn-/Beschäftigungsdiagramm nicht für sich allein beanspruchen kann. Die beiden Kurven in diesem Diagramm dürfte jeder Neoklassiker vehement zurückweisen.

Abbildung 3 verdeutlicht, dass die beiden senkrechten Geraden für die vom Gütermarkt bestimmte Nachfrage nach Arbeit und für das aggregierte individuelle Arbeitsangebot allein auf dem Arbeitsmarkt keine Gleichgewichtslösung angeben, die sich durch flexible Reallöhne einstellen könnte. Es bleibt völlig offen, wie auf einem solchen Arbeitsmarkt die Lohnhöhe bestimmt wird.

 

8. Relevanz der Reallohnschranke in Deutschland (muss noch aktualisiert werden)

Möchte man empirisch ermitteln, welche Rolle die Entwicklung des Reallohnniveaus für die Veränderung von Arbeitslosigkeit und Beschäftigung gespielt hat, so besteht eine erste Schwierigkeit darin, dass sich die LS-Linie und PS-Linie im Zeitablauf mit steigender Arbeitsproduktivität nach oben verschieben. Für die LS-Kurve gilt dies immer dann, wenn in den Lohnabschlüssen eine Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt vereinbart wird, sodass bei jedem Beschäftigungsniveau der Reallohn ansteigt. Gleichzeitig verschiebt sich auch die PS-Kurve als Maßstab der von den Unternehmen verkraftbaren Löhne nach oben; denn je produktiver die Arbeitskräfte sind, desto höher ist der Lohn, den die Unternehmen bei gegebener Beschäftigung zahlen können.

Um zu erkennen, ob sich der Schnittpunkt der LS-Kurve und der PS-Kurve verschoben hat und die Höhe des Reallohns eine stärkere oder schwächere potentielle Bedeutung als Beschäftigungsgrenze gewonnen hat, ist daher das Verhältnis von Reallohn zu Arbeitsproduktivität im Zeitablauf zu beobachten. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat diese Verhältnis als Reallohnposition bezeichnet und deren Veränderungen in seinen Jahresgutachten bis 1986/87 (unter Einbeziehung der Wirkungen von Veränderungen bei den terms of trade, bei den indirekten Steuern und bei den Abschreibungen auf die Kostensituation der Unternehmen) berechnet (siehe z.B. Jahresgut-achten 1986/87, Tab. 5, S. 60). Danach hat er sie zu Gunsten seiner stärker auf die Gewinnsituation der Unternehmen ausgerichteten „Erlös-Kosten-Relation“ aufgegeben, weil er das Verhältnis von Gewinnen zu Investitionen in den Vordergrund rückte.

 

Figur4
Quelle der Zahlen : VGR

 

Ermittelt man die Reallohnposition aus den Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, so zeigt die langfristige Entwicklung dieser Reallohnposition in den Schaubildern 1 und 2, dass von einer zu starken Erhöhung des Reallohnniveaus über den vom Arbeitsproduktivitätsanstieg gegebenen Spielraum hinaus seit langem keine Rede mehr sein kann. Ganz im Gegenteil! Nach 1982 hat sich in West-Deutschland die Reallohnposition unter leichten Schwankungen ständig verschlechtert, und zwar in einem erheblichen Ausmaß. Die Löhne sind also hinter der Produktivitätssteigerung deutlich zurückgeblieben, die WS-Kurve ist gefallen. Es ist auch keine Inflexibilität der Reallohnposition nach unten zu erkennen, die dem Anstieg des Beschäftigungsgrades nach 1987 im Wege gestanden hätte. Insbesondere der Vereinigungsboom von 1990 bis 1992 konnte in West-Deutschland voll auf den Arbeitsmarkt durchschlagen; die Ausdehnung der Produktion wurde nicht durch Rigiditäten des Arbeitsmarktes verhindert.

 

Figur3

a) Wegen Unterschieden in der Basierung ist das Verhältnis Reallohn/Arbeitsproduktivität im Niveau nicht mit den Zahlen für West-Deutschland in Schaubild 1 vergleichbar.

 

Gegen den Versuch, in neoklassischer Denkweise im Rückgang der Reallohnposition die Ursache für den Anstieg des Beschäftigungsgrades zu sehen, spricht die Entwicklung von 1977 bis 1980 in West-Deutschland, wo bei deutlich steigender Reallohnposition der Beschäftigungsgrad zunahm, als auch die Entwicklung von 1992 bis 1995 in Gesamtdeutschland, wo eine sinkende Reallohnposition mit einem abnehmenden Beschäftigungsgrad verbunden war. Nach 1997 stieg der Beschäftigungsgrad vier Jahre lang an, die Reallohnposition bis 2000 ebenfalls. Der wechselhafte Zusammenhang zwischen Reallohnposition und Beschäftigung ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Beschäftigungssituation nicht ohne die Güternachfrage erklärt werden kann, wie dies das vervollständigte Arbeitsmarktmodell auch nahe legt.

 

9. Nominallohnniveau im internationalen Vergleich

Ein anderes Argument, um die Höhe des Lohnniveaus (jetzt aber des Nominallohnniveaus) für die Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen, berücksichtigt die internationalen Zusammenhänge und behauptet, die Lohnkosten hätten sich in Deutschland stärker als in anderen Staaten erhöht und deswegen sei tendenziell Produktion ins Ausland verlagert worden. Diese Behauptung trifft jedoch nicht zu. Vielmehr weisen die Lohnstückkosten (in nationaler Währung) von 1995 bis 2004 in Deutschland unter den Industriestaaten (außer Japan) die mit Abstand niedrigsten Zuwächse auf, nämlich zwei Prozent in 10 Jahren gegenüber 13% im Euro-Raum, 31% in Großbritannien und 21% in den USA (vgl. EU-Kommission, 2005). In den Jahren 2005 und 2006 hat sich diese Entwicklung verschärft: Unter allen OECD-Staaten weisen nur Japan und Deutschland rückläufige Lohnstückkosten auf, während diese im Euroraum um ca. 1% und in der OECD um 1,9% gestiegen sind (OECD 2006, S.224).
Der stärkere Anstieg der Lohnstückkosten in den USA hat zwar die Leistungsbilanz der USA beeinträchtigt, nicht aber den Aufbau neuer Arbeitsplätze. Dieser Aufbau resultierte nämlich aus der von einer pragmatischen, tendenziell expansiven Geldpolitik und von einer hohen Konsumquote gestützten kontinuierlichen Expansion der Güternachfrage (Horn, 1998).

 

10. Fazit

Die Verwendung des für moderne Industriegesellschaften konzipierten und vervollständigten arbeitsmarkttheoretischen Standardmodells zeigt, dass Arbeitslosigkeit nicht aufgrund theoretischer Vorfestlegungen nur entweder als reallohnbedingt oder als nachfragebedingt interpretiert werden darf. Vielmehr können beide Ursachen relevant sein, und es muss die jeweilige Konstellation auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Gütermarkt analysiert werden, um zu einer zutreffenden Klärung der Ursachen der Arbeitslosigkeit zu gelangen und daraus die geeigneten beschäftigungspolitischen Maßnahmen abzuleiten.

 


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