E.I Strömungen des Keynesianismus

 

E.I.1 Überblick

Nachdem die „General Theory“ von Keynes (1936) veröffentlicht war, entwickelte sich die darauf aufbauende Theorie in verschiedene Richtungen:

Neoklassische Synthese:
Stark von der neoklassischen Theorie beeinflusste Ökonomen deuteten die Keynes’sche Theorie um und verfälschten sie so weit, dass sie neoklassische Ergebnisse liefert (siehe Rubrik C.III).

Hydraulischer Keynesianismus:
Autoren dieser Richtungen vernachlässigten die von Keynes betonte Unsicherheit der Zukunft und meinten, zwischen den Aggregaten Konsum und Einkommen, Investitionen und Zinsen bestünden feste, im Zeitablauf konstante Beziehungen, die man ökonometrisch ermitteln kann; folglich könne man die Wirkung wirtschaftspolitischer Eingriffe hervorsagen und die Gesamtwirtschaft genau steuern (Globalsteuerung).
Vertreter der Keynes’schen Theorie (Rückbesinnung auf Keynes):
Der Keynesianismus der neoklassischen Synthese wurde in den 1950er und 1960er Jahren zur dominanten Version des Keynesianismus, der sich damit immer mehr von Keynes entfernte. Erst durch das Buch von Axel Leijonhufvud (1968) mit dem Titel „Keynesian Economics and the Economics of Keynes“ wurde diese Fehlentwicklung ins Bewusstsein vieler Makroökonomen gerückt.

Post-Keynesianismus:
Hier verstanden im engeren Sinne als eine Gruppe von Keynesianern, die sich inspiriert von Keynes‘ Artikel von 1937, von Joan Robinson und Michael Kalecki (1935, 1938 u.a.) sowohl vom hydraulischen Keynesianismus und von der Neoklassischen Synthese absetzen, indem sie die Unsicherheit der Zukunft betonen und zugleich Ursachen und Folgen der Einkommensverteilung sowohl langfristiger Aspekte in ihre Analyse einbeziehen. Außerdem sprechen sie sich für eine realistischere Preistheorie aus.

Neue Keynesianische Ökonomie (New Keynesian Economics):
Diese makroökonomische Strömung – häufig mit der Abkürzung „NKE“ bezeichnet – wurde in den USA zu Beginn der 1990er Jahre von Mankiw/Romer (1991) in ihrem zweibändigen Sammelwerk „New Keynesian Economics“ umfassend präsentiert und dabei zugleich als „neu“ und als „keynesianisch“ bezeichnet. Sie ist als Gegenentwurf zu der zeitweise in den USA sehr verbreiteten „Neuen Klassischen Makroökonomie“ zu verstehen; diese hatte vor allem die walrasianische Theorie wiederbelebt. In dieser – konträr zu Keynes‘ Theorie stehenden – Theorie lösen sich alle makroökonomischen Probleme von selbst. Die Koordinierung der Entscheidungen von Anbietern und Nachfragern erfolgt auf allen Märkten über einen fiktiven „Auktionator“ (den es in der Realität nur an organisierten Wertpapier-, Devisen- und Rohstoffbörsen gibt), sodass überall Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Dies wird auch für den Arbeitsmarkt behauptet. Daher kann es Arbeitslosigkeit nur aus strukturell bedingten Hemmnissen bei der Anpassung an exogene Änderungen (Schocks) geben, aber nicht wegen eines generellen Mangels an Güternachfrage. Folglich können Schwankungen in der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auch keinen Einfluss auf Produktion und Beschäftigung haben: Der reale Sektor ist von nominalen Größen unabhängig („klassische Dichotomie“).
Von diesem walrasianischen Ansatz distanziert sich inzwischen sogar der Nobelpreisträger Edmund Phelps (2007) in seinem Artikel „Macroeconomics for a Modern Economy“ mit der Aussage (S.545): „Walras“ deus ex machina, the economy-wide auctioneer, is inapplicable to a modern economy in which much activity is driven by innovation…”
Diese Zurückweisung der Postulate der „New Classical Economics“ ist sehr positiv zu bewerten. Die kritischen Aspekte der New Keynesian Economics werden in E.I.6 behandelt.


E.I.2 Neoklassische Synthese

Wie in der Rubrik C.III „Von der neoklassischen Synthese zur AS/AD-Analyse“ beschrieben, haben sich viele Autoren, die vom keynesianischen Instrumentarium der Kreislaufanalyse ausgehen, von der Theorie von Keynes weit entfernt und seine zentralen Ergebnisse neoklassisch umgedeutet und verfälscht, ihre Position aber dennoch als „keynesianisch“ bezeichnet. Diese Fehlentwicklung wird nicht hier beschrieben, sondern in der Rubrik C.III“Neoklassische Synthese“, um deutlich zu machen, dass die Bezeichnung „neoklassische Theorie unter Verwendung des keynesianischen Instrumentariums“ treffender wäre. Joan Robinson (1971, S. 30) nennt in ihrem Buch „Economic Heresies. Some Old Fashioned Questions in Economic Theory“ die neoklassische Synthese verächtlich „Bastardkeynesianismus“.
Viele Ökonomen, die sich auf Keynes‘ Theorie beriefen, ließen sich in dem ersten Jahrzehnt der Nachkriegszeit von dem „Siegeszug des Keynesianismus“ in der Form der neoklassischen Synthese so sehr blenden, dass sie sich nicht gegen diese Uminterpretation des Keynesianismus zur Wehr setzten und nicht einmal versuchten, dem neoklassischen Arbeitsmarkt-Modell ein keynesianisches Modell des Arbeitsmarktes entgegen zu setzen (siehe zu diesem Problem die Rubrik E.2).
Inzwischen verzichten viele Autoren, die dieser Denkrichtung verhaftet sind, auf das keynesianische IS/LM-Diagramm und leiten die neoklassischen Ergebnisse – insbesondere über die positiven Beschäftigungswirkungen von Lohnsenkungen – aus dem AS/AD-Diagramm ab (AS: Aggregate Supply. AD: Aggregate Demand. Siehe C.III). Den Verlauf dieser Kurven übernehmen sie aus der Mikroökonomie, missachten die Kreislaufzusammenhänge und scheuen sich nicht vor den daraus resultierenden „Trugschlüssen der Verallgemeinerung“.

E.I.3 Hydraulischer Keynesianismus
Eine weitere Fehlentwicklung – weg von Keynes – resultierte aus der Tendenz von Lehrbuchautoren und Prognostikern, die Beziehung zwischen den Aggregaten für stabil anzusehen und so die künftige Entwicklung zu prognostizieren. Der Bau und die Nutzung solcher Modelle wurden von Coddington (1976) in seinem damals stark beachteten Artikel „Keynesian Economics. The Search for First Principles“ als hydraulischer Keynesianismus verspottet. Das Adjektiv hydraulisch verweist darauf, dass man in dieser Variante des Keynesianismus meinte, die Wirkung von z.B. zusätzlichen Staatsausgaben wie in einem Wasserkreislaufsystem genau vorhersagen zu können, bei dem man den Wasserzufluss steuern kann.
Dennoch hielten manche Keynesianer daran fest, die Beziehungen zwischen den Kreislaufaggregaten als stabil und vorhersehbar zu betrachten. Die Annahme einer zeitlichen Stabilität hat den Vorteil, dass man mit solchen, empirisch unterfütterten Modellen Prognosen über die künftige Entwicklung erstellen kann, die bei der wirtschaftspolitischen Beratung eine wichtige Rolle spielen. Die für Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik zuständigen Institutionen haben ein großes Interesse an solchen Prognosen, um rechtzeitig Handlungsbedarf erkennen zu können.
Derartige Erklärungen und Prognosemodelle vernachlässigen jedoch die von Keynes stark betonte Unsicherheit der Zukunft und lassen sie in den Hintergrund treten. Dies wird auch nicht dadurch geheilt, dass keine Punktprognosen formuliert werden (z.B. BIP-Wachstum 2,1 %), sondern nur ein Korridor angegeben wird, in dem sich die prognostizierte Größe bewegen dürfte (viele Nutzer verwenden dann einfach den mittleren Wert im Korridor).
Diese Kritik gilt natürlich für alle modellbasierten Prognosen, auch wenn sie sich auf monetaristische oder neoklassische Modelle stützen.
Explizit wird sich heute wohl kaum jemand als „hydraulischen Keynesianer“ bezeichnen, sondern auf die unvermeidbaren Unsicherheiten von Prognosen verweisen.

E.I.4 Vertreter der Keynes’schen Theorie
Die mit dem Buch von Leijonhufvud (1968) angestoßene Debatte hat zu der Rückbesinnung auf Keynes geführt, wie in der Rubrik dokumentiert ist. Die Vertreter dieser Strömung wenden sich heute vor allem gegen die weiter (E.I.6) beschriebene „New Keynesian Economics“. Ein prominenter Makroökonom, James Tobin, bezeichnet sich daher als „Old Keynesian“.

E.I.5 Postkeynesianismus
Die Bezeichnung „Postkeynesianismus“ ist in doppelter Hinsicht unglücklich: Erstens wurde der Begriff „Keynesianismus“ für die neoklassische Synthese freigegeben. Zweitens lässt er sich in zwei Weisen verwenden bzw. verstehen: In einem weiten Sinne als Gesamtheit aller nach Keynes erschienenen (sehr heterogenen) Beiträge auf der Grundlage seine Theorie; in einem engeren Sinne als eine bestimmte Richtung innerhalb dieser Gesamtheit.
Hilfreicher ist diese zweite, engere Interpretation, die hier gewählt wird. Damit wird Thomas Cate (1997) in der von ihm herausgegebenen „Encyclopedia of Keynesian Economics“ gefolgt. Dort werden „die“ Postkeynesianer als eine Untergruppe der Keynesianer dargestellt. Bei ihrer Betonung der Unsicherheit der Zukunft und der schwankenden Erwartungen können sich die Postkeynesianer i.e.S. auf das Kapitel 12 der „General Theory“ sowie Keynes‘ Aufsatz „The General Theory of Employment“ (1937, siehe die Rubrik A.III „Ausgewählte Aufsätze“) stützen. Dort hatte Keynes hervorgehoben, wie wichtig der Stand des Vertrauens in die eigenen Zukunftserwartungen angesichts deren Unsicherheit ist:
„Der Stand des Vertrauens, wie er genannt wird, ist ein Faktor, dem Geschäftsleute immer die tiefste und sorgfältigste Beachtung schenken. Die Ökonomen haben ihn aber nicht sorgfältig analysiert und sich in der Regel damit begnügt, ihn in allgemeinen Ausdrücken zu erörtern. Insbesondere ist nicht klargemacht worden, daß er seine Bedeutung für wirtschaftliche Fragen durch seinen wichtigen Einfluß auf die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals gewinnt. Es sind nicht zwei getrennte Faktoren, welche die Höhe der Investitionen beeinflussen, nämlich die Kurve der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und der Stand des Vertrauens. Der Stand des Vertrauens ist wichtig, weil er einer der Hauptbestimmungsgründe der ersteren ist…“ (1936/2009, S. 126).

Es ist wichtig, diesen Aspekt bei der Analyse wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu berücksichtigen und nicht in die vereinfachende Sicht des hydraulischen Keynesianismus zurückzufallen.
Unabhängig von dieser Problematik haben die Keynesianer in der Tradition von Keynes – ob sie nun als Postkeynesianer bezeichnet werden oder nicht – viele konstruktive Beiträge auf Gebieten geliefert, die von Keynes nicht behandelt worden sind und die seine Analysemethode auf weitere Fragestellungen anwenden. Geoffrey Harcourt (2006) hat in seinem Buch „The Structure of Post-Keynesian Economics. The Core Contributions of the Pioneers“ in übersichtlicher Weise die konstruktiven Beiträge der Postkeynesianer dargestellt. Dabei handele es sich vor allem um:

• Theorien zur Erklärung der Verteilung des Volkseinkommens auf die Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital) und auf soziale Gruppen (Unternehmen, Arbeitnehmer etc.) sowie die Analyse der Konsequenzen ungleicher Verteilung auf die Gesamtnachfrage
• eine realistische Preistheorie (Preisbildung durch Zuschlagskalkulation: mark-up pricing),
• Theorien über Kapitalakkumulation und wirtschaftliches Wachstum
• Theorien über die Endogenität des Geldes.

Bezüglich der Preisbildung lehnen die Post-Keynesianer im engeren Sinne auch Teile der neoklassischen Theorie ab, die Keynes auf der mikroökonomischen Ebene akzeptiert hatte. Dies betrifft vor allem die Preisbildung: Die neoklassische Mikroökonomie geht davon aus, dass die Unternehmer ihr kurzfristiges Gewinnmaximum anstreben, indem sie den Preis so setzen, dass Grenzumsatz und Grenzkosten übereinstimmen. Wenn keine vollständige Konkurrenz besteht, bei der Grenzumsatz und Preis gleich sind, benötigen die Unternehmen dafür Informationen über den Verlauf ihrer Preis-Absatz-Funktion, von der nur ein Punkt empirisch beobachtbar ist, nämlich die Absatzmenge bei dem aktuell bestehenden Preis. Außerdem müssen die Grenzkosten einen steigenden Verlauf haben.

Die (post)keynesianischen Beiträge zu diesen genannten Theoriegebieten werden in den nachfolgenden Runriken E.II ff dargestellt. Diese Weiterentwicklungen, die in der Literatur des Mainstream und in den meisten Lehrbüchern allerdings kaum aufgegriffen wurden, haben nicht verhindert, dass sich in den 1990er Jahren eine neue Strömung in der Makroökonomie etablierte, die sich als „New Keynesian Economics“ bezeichnete. Sie wird im nachfolgenden Abschnitt E.I.3 kritisch dargestellt. Um sich von ihr deutlich abzusetzen, hat sich James Tobin (1918-2002), einer der führenden Keynesianer der USA (inzwischen hat diese Rolle Paul Krugmann übernommen) als „Old Keynesian“ bezeichnet und die Unterschiede und Gegensätze zwischen Keynes‘ Theorie und den New Keynesian Economics u.a. in Tobin (1993) herausgearbeitet.
Zwei Autoren, die den Begriff „Post-Keynesianismus“ zwar in einem weiten Sinne verwenden, aber dennoch den Kern der Beiträge der Postkeynesianer im engeren Sinne herausarbeiten, seien hier vorgestellt.

Besonders intensiv hat sich John King (2002, 2003) damit beschäftigt, den Begriff des Postkeynesianismus zur Beschreibung der Weiterentwicklung der Theorie von Keynes zu propagieren und zu präzisieren, wobei er in King (2002) schon im Titel klar macht, dass er alle Beiträge, die auf der Theorie von Keynes basieren und nach 1936 erschienen sind, zum Postkeynesianismus rechnet. Er betont, dass deren Verteter die essentiellen Postulate von Keynes teilen, die er in der Einleitung seines „Elgar Compendiums to Post Keynesian Economics“ (2003, S. XIV) so beschreibt:

„Stripped down to the bare essentials, Post Keynesian economics rests on the principle of effective demand: in capitalist economies, output and employment are normally constrained by aggregate demand, not by individual supply behaviour. Since a decision not to have lunch today – as Keynes famously put it – does not entail a decision to have lunch tomorrow, investment drives saving and not the other way round. Moreover, there exists no automatic or even minimally reliable mechanism that will eliminate excess capacity and involuntary unemployment. Interest rates depend on monetary considerations, not on the so-called „real“ forces of productivity and thrift. There is no ‘natural rate of interest’ to equilibrate investment and saving, so that an increase in the propensity to save will prove self-defeating, resulting in lower output and reduced employment but not in higher levels of saving.“

Wenn man dann allerdings bei King liest, was die Postkeynesianer ablehnen, zeigt sich, dass er sie unnötig weit von Keynes‘ Theorie abgrenzt. Die Postkeynesianer seien sich nämlich einig, sagt King,
„in denying the validity of the neoclassical synthesis and in rejecting the IS/LM model, the “real balance effect” and the notation of the long run as a sort of magic kingdom where the future is knowable (at least probabilistically), expectations are always fulfilled, money has no real significance and all resources are fully employed.“ (ebenda).
Klar ist, dass die Postkeynesianer die neoklassische Synthese (einschließlich eines dominanten real balance-effects) und die von King beschriebene Langfristidylle ablehnen; aber mit dem Zurückweisen des IS/LM-Modells bringen sie sich selbst ins Abseits: Abzulehnen ist der Missbrauch des IS/LM-Modells durch die neoklassische Synthese, aber nicht das Modell selbst! Es muss stattdessen dafür gekämpft werden, dass es richtig, d.h. im Sinne von Keynes, interpretiert wird.
Auch Harcourt (2006) wählt bei seiner Darstellung der Struktur der „post-keynesianischen Ökonomie“ einen sehr breiten Ansatz; auch er zählt Keynesianer wie Richard Kahn, Joan Robinspon, Nicholas Kaldor und sogar Keynes selber zu deren Pionieren. Auf der anderen Seite bezieht er auch „dissenting economists“ – also Ökonomen, die sich von mainstream distanzieren – in seine Darstellung ein und behandelt Beiträge von Michal Kalecki (1899-1970) und Piero Sraffa (1898-1983). Beide wirkten in Cambridge, nachdem sie ihr jeweiliges Heimatland verlassen mussten.

Gleichzeitig beschränkt Harcourt sich implizit auf Ökonomen, die in Cambridge (U.K.) wirkten, sodass er erstaunlicherweise Paul Davidson nur ganz am Rande erwähnt, obwohl dieser US-amerikanische Ökonom das „Journal of Post Keynesian Economics“ herausgibt, von dem 2015 der 3. Jahrgang erscheint, und als der prominenteste US-amerikanische Postkeynesianer anzusehen ist.

E.I.6 New Keynesian Economics: Darstellung und Kritik
Mankiw/Romer setzen sich von der im Überblick beschriebenen walrasianisch-klassischen Position deutlich ab, wenn sie in die „New Keynesian Economics“ (NKE) alle Autoren einbeziehen, die folgende Fragen mit „Ja“ beantworten (1991, S. 2):

„Does the theory violate the classical dichotomy? Does it posit that fluctuations in nominal variables like the money supply influence fluctuations in real variables like output and employment? Does the theory assume that real market imperfections in the economy are crucial for understanding economic fluctuations? Are such considerations as imperfect competition, imperfect information, and rigidity in relative prices central to the theory?“

Wer diese Fragen bejaht, ist eindeutig kein Anhänger der Neuen Klassischen Makroökonomie. Aber ist seine Theorie dadurch bereits keynesianisch? Problematisch sind in diesem Zusammenhang die Begründungen, die Mankiw/Romer dafür geben, dass sie die ausgewählten Fragen mit „Ja“ beantworten:

„The classical dichotomy fails because prices are sticky. Real imperfections are crucial because imperfect competition and rigidity in relative prices are central to understanding why prices are sticky.“ (ebenda).

Ihre Argumentation stellt also voll auf die Starrheit von Preisen (und Löhnen) ab. Das aber widerspricht der zentralen These von Keynes, wonach flexible Löhne und Preise dann nicht zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage führen, wenn die effektive Nachfrage trotz dieser Flexibilität geringer bleibt als die Produktion, die bei Vollbeschäftigung möglich wäre. Dazu findet sich eine ausführliche Kritik an der NKE bei Hartwig (2003).
Die zentrale These von Keynes wird missachtet, wenn die Mengeneffekte von Nachfrageschwankungen ausschließlich auf rigide Preise und Löhne zurückgeführt werden, was Ball/Mankiw/Romer schon 1988 (S. 1) taten:

„According to the Keynesian view, fluctuations in output arise largely from fluctuations in nominal aggregate demand. These fluctuations have real effects because nominal wages and prices are rigid.“

Aus diesem Satz folgt völlig konträr zu Keynes die altbekannte walrasianisch fundierte Posi-tion: Wären Preise und Löhne voll flexibel, gäbe es keine Schwankungen von Produktion und Beschäftigung; vielmehr tendierte das Wirtschaftssystem immer zur Vollbeschäftigung aller Ressourcen. Diese Position entspricht auch dem Ergebnis der neoklassischen Synthese und zugleich dem Ergebnis einer (unkritischen) Analyse mithilfe des AS/AD- Diagramms, (siehe Rubrik „Neoklassische Synthese-AD/AS-Analyse“), das im Rahmen der NKE häufig verwendet wird.
Möglicherweise leiten die Vertreter der NKE ihre Vorstellung, ihre Theorien seien keynesianisch, daraus ab, dass sie die Arbeitslosigkeit nicht durch den isolierten Arbeitsmarkt erklären, sondern durch die Schwankungen der nominalen Nachfrage in Verbindung mit nominalen Rigiditäten (In der Neoklassik dagegen war es der Reallohn, dessen falsche Höhe oder Rigidität die Arbeitslosigkeit verursachte). Dies ist sicherlich ein wichtiger Schritt in Richtung Keynes. Aber es reicht nicht aus, um das Adjektiv „keynesianisch“ zu rechtfertigen. Das betont auch James Tobin (1917-2002), der führende US-amerikanische Keynesianer, der sich in seinem Artikel „Price Flexibility and Output Stability: An Old Keynesian View“ (1993, S. 46) deutlich von der NKE abgesetzt:

„Keynesian macroeconomics neither asserts nor requires nominal wages and/or price rigidity. It does assert and require that markets not be instantaneously and continuously cleared by prices. That is a much less restrictive assumption, and much less controversial“ The central Keynesian proposition is not nominal price rigidity but the principle of effective demand.“

Ferner bezweifelt Tobin, dass man die Schwankungen der Nachfrage als rein nominal interpretieren kann, so dass sie durch Preissenkungen stets aufgegangen werden können. Vielmehr gelte (1993, S.47):

„In Keynesian business cycle theory, the shocks generating fluctuations are generally shifts in real aggregate demand for goods and services, notably in capital investment. Keynes would be appalled to see his cycle model described as one in which fluctuations in output arise largely from fluctuations in nominal aggregate demand.“

Wenn zum Beispiel ein Unternehmer wegen verschlechterter Absatzerwartungen auf ein geplantes Investitionsprojekt verzichtet, dann kann dieser reale Nachfragerückgang auch durch eine zehn prozentige Preissenkung der ursprünglich zur Anschaffung vorgesehenen Maschinen und Anlagen nicht verhindert werden.
Tobin erinnert auch daran, dass Keynes über die möglichen destabilisierenden Wirkungen flexibler Preise und Löhne besorgt war und deswegen stabile Preis und Löhne für wünschenswert hielt. Die möglichen destabilisierenden Effekte flexibler Preise und Löhne betonen auch Greenwald/Stiglitz(1993), die sich selber damals noch der NKE zuordnen, das Problem der Rigidität von Löhnen und Preisen jedoch weder für das zentrale Problem halten noch von der Flexibilität dieser Variablen sich die Lösung der Beschäftigungsprobleme versprechen. Vielmehr versuchen sie zu zeigen, dass – wie Keynes es befürchtete – flexible Löhne und Preise sogar die Schwankungen von Produktion und Beschäftigung verschärfen können (ebenda S. 25). Im Falle eines Rückgangs der nominalen Nachfrage würden nämlich sinkende Preise, die ihrerseits sinkende Löhne erfordern, damit die Angebotskurve sich nach unten verschiebt, einen kumulativen Prozess auslösen; denn bei gesunkenen Preisen und Lohnsätzen würde die nominale Nachfrage erneut absinken. Es ergäbe sich ein nominaler negativer Multiplikatorprozess. Dieser würde zwar bei Konstanz exogener Nachfragekomponenten zu einem neuen Gleichgewicht führen, es ist jedoch fraglich, ob es im Zuge eines solchen kumulativen deflationären Prozesses konstante nominale Nachfragegrößen gibt, da z.B. auch die Steuereinnahmen des Staates sinken. Besonders negativ wirke sich die zusätzliche Unsicherheit aus, die im Zuge eines solchen Deflationsprozesses entsteht.

Die Konsequenz dieser Überlegung hat Schultze (1986, S. 17) so formuliert:

„… the dynamic consequences of wage and price flexibility may generate more rather then less instability. Keynes himself took that view, Don Patinkin (1948- J.K.) long ago emphasized this possibility.”

Dieser Argumentation wird häufig entgegengehalten, der zunehmende reale Wert der Nettoforderungen, also der Realkasseneffekt der in der Rubrik „Neoklassische Synthese-AS/AD-Analyse behandelt ist, werde diesen deflationären Prozess über kurz oder lang abfedern. Greenwald/Stiglitz (1993, S.36) halten es für falsch, sich auf den Realkasseneffekt zu verlassen:

„Indeed, in most new Keynesian models the mechanism by which wage and price flexibility would eventually restore the economy to full employment is the old real balance effect. The enormous attention that the real balance effect has received over the years hardly speaks well for the profession. Quantitatively, it is surely an nth order effect; one calculation put it that, even at the fastest rate at which prices fell in the Great Depression, it would take more than two centuries to restore the economy to full employment. And in the short run even its sign is ambiguous, as intertemporal substitution effects may (depending on expectations) more than offset the wealth effects.“

Auch Hahn (1995, S.47) wendet sich gegen die Vorstellung, flexible Preise und Löhne wür-den immer zu einem neuen Gleichgewicht führen:

„Here I note that there is no guarantee for convergence, leave alone convergence to a steady state. So, if nothing else, the process will generate extra uncertainty.“

Zur Kritik und Auseinandersetzung mit New Keynesian Economics sei auch auf Hartwig (2003), auf andere Beiträge in Hein/Heise/Truger (2003) sowie auf Spahn (2011) verwiesen.
Diese Überlegungen bestärken die auf der Linie von Keynes gebliebenen Keynesianer in der Überzeugung, dass es wirtschaftpolitisch besser ist, nicht auf Lohn- und Preisflexibilisierung zu drängen, sondern die Preise und Löhne konstant zu lassen und die Geld- und Fiskalpolitik mit der Aufgabe zu betrauen, für eine Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu sorgen; denn diese ist nicht nur der primäre Ansatz zur Erklärung der Arbeitslosigkeit, sondern auch zu ihrer Vermeidung oder Bekämpfung. Diese Aussage gilt selbstverständlich nur für Volkswirtschaften, deren Produktionspotential nicht voll ausgelastet ist und deren Produktion durch die Nachfrage beschränkt ist.

Dieser wirtschaftspolitischen Empfehlung stimmen auch die Neukeynesianer zu, weil sie zu Recht erkennen, dass Preis- und Lohnniveau aus vielerlei Gründen wenig flexibel sind. Daher bleibt gar keine andere Möglichkeit, als die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren. Trotz ihrer nicht-keynesianischen theoretischen Ansichten über das, was wäre, wenn Preise und Löhne flexibel wären, kommen sie zu keynesianischen wirtschafspolitischen Empfehlungen. Es ist zu begrü-ßen, dass sie auf diese Weise entscheidend zur Wiederbelebung keynesianisch orientierter Wirtschaftspolitik beitragen, wie sie zum Beispiel in den USA und Großbritannien betrieben wird.
Eine zentrale Rolle spielt bei den wirtschaftpolitischen Überlegungen der Neukeynesianer die Gestaltung der Geldpolitik. Große Beachtung hat der Aufsatz von Clarida/Gali/Gertler(1999) mit dem Titel „The Science of Monetary Policy: A New Keynesian Perspective“ gefunden. Die Autoren formulieren auf der Grundlage der bestehenden Literatur ein Grundmodell, das aus einer gesamtwirtschaftlichen Nachfragegleichung und einer Phillipskurve zur Bestimmung der Inflationsrate besteht. Charakteristisch für den neukeynesianischen Ansatz sind folgende Aspekte:

a) Erklärt werden soll nicht die gesamtwirtschaftliche Produktion (der Output), sondern nur der „Output gap“, also die Lücke (die Abweichung) zwischen dem tatsächlichem Output und dem Potentialoutput, der sich bei völlig flexiblen Preisen und Löhne ergäbe. Diese nicht messbare Größe wird allerdings häufig dem langfristigen Trendwert des tatsächlichen Outputs gleichgesetzt. Das Modell beschränkt sich mithin auf die Analyse kurzfristiger oder konjunktureller Schwankungen. Die genauso wichtige Frage, ob bei Erreichung des Trendoutput in der Volkswirtschaft automatisch Vollbeschäftigung erreicht wird, stellt sich nicht, wenn man mit der NKE der neoklassischen Annahme folgt, bei flexiblen Preisen und Löhne läge nur strukturelle Arbeitslosigkeit (die Arbeitslosigkeit, die nicht vom Outputniveau abhängt) vor. Dementsprechend ist in der NKE die Annahme üblich, die Ökonomie tendiere zu einem langfristigen Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt, in dem es nur strukturell bedingte Arbeitslosigkeit gibt.

b) Die Akteure orientieren sich an erwarteten Größen. So ist erstens der private Konsum positiv vom erwarteten Outputgap abhängig: Da über die nutzenmaximierenden Konsumenten behauptet wird, sie wollten ihren Konsum über die Zeit glätten, konsumieren sie bereits in der Gegenwart mehr, wenn sie einen höheren Output (und damit höhere Einkommen) in der Zukunft erwarten. Zweitens hängt ihr Konsum negativ vom realen Zinssatz (definiert als nominaler Zinssatz abzüglich der erwarteten Inflationsrate) ab. Die Begründung hierfür lautet: Je höher die reale Verzinsung des Geldvermögens, desto mehr lohnt es sich, jetzt zu sparen und später zu konsumieren. Die Anlage-Investitionen, die man mit dem gleichen Vorzeichen von Realzins abhängig machen könnte, bleiben im Grundmodell „bequemlichkeitshalber“ („for conveniance“) außer Betracht.

c) Die Inflationsrate hängt positiv vom Outputgap und von der erwarteten Inflationsrate ab. Da Outputgap und Arbeitslosenquote sich gegenläufig entwickeln, gibt es einen negativen Zusammenhang zwischen Inflationsrate und Arbeitslosenquote. Die Phillips-Kurve, die diesen Zusammenhang wiedergibt, hat also kurzfristig einen fallenden Verlauf langfristig ist sie dagegen wegen dem unter (a) genannten Aspekt senkrecht (siehe zur Phillips-Kurve Abschnitt 3 der Unterrubrik „Keynesianische Inflationstheorien“ in der Rubrik „Weiterentwicklung des Keynesianismus“).

d) Beide Gleichungen enthalten Störterme, um zum Beispiel Einflüsse der Fiskalpolitik oder Angebotschocks (Ölpreisschocks) berücksichtigen zu können.

e) Der nominale Zinssatz wird als ein Instrument der Zentralbankpolitik betrachtet: Die Zentralbank steuert den Zinssatz, nicht die Geldmenge.

Kritisch zu betrachten ist vor allem die in Punkt (a) genannte Annahme einer langfristigen Tendenz zum Verschwinden nachfragebedingter Arbeitslosigkeit. Diese entspricht nicht den Vorstellungen von Keynes.
Der unter (b) genannte Verzicht auf die Behandlung der Anlageinvestitionen blendet einen wichtigen Problembereich aus. Die Annahme, der Konsum hänge negativ vom Zinssatz ab, weil die Konsumenten ein intertemporales Kalkül anwenden, ist zumindest umstritten. Die Annahme einer langfristig senkrechten Phillipskurve ist nur unter sehr einschränkenden Annahmen begründbar, wie in Abschnitt 3, der Rubrik E.III, näher erläutert wird.

Die in (e) genannte Wahl des Zinssatzes als Steuergröße der Zentralbank ist dagegen positiv zu bewerten. Damit entfällt nämlich die Behandlung der Geldmenge als exogene Größe. Dies ist zwar im IS/LM-Diagramm üblich, stellt aber ein Relikt der von Keynes abgelehnten „Quantitätstheorie“ dar. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass der „Realkasseneffekt“ der neoklassischen Synthese (siehe die entsprechende Rubrik) wirksam werden kann. Außerdem wird die LM-Kurve überflüssig, da jetzt die Geldmenge endogen ist und von der Zentralbank an dem von ihr gesetzten Zinssatz angepasst wird (siehe Clarida/Gali/Gertler, S. 1667). Wie sich das keynesianische Gesamtmodell ohne eine LM-Kurve darstellen lässt, haben Kromphardt/Schneider (2007) ausgeführt.
In einem weiteren Schritt wird dann präzisiert, an welchen Zielen die Zentralbank ihre Geldpolitik ausrichtet. Da die NKE von sehr vielen US-amerikanischen Ökonomen vertreten wird, ist es nicht verwunderlich, dass die Antwort auf diese Frage davon geprägt ist, dass die US-amerikanische Notenbank zwei gesamtwirtschaftliche Ziele beachten soll, nämlich Preisstabilität und hohe Beschäftigung. Dementsprechend berücksichtigt die – in der NKE überwiegend verwendete – Taylor-Regel beide Ziele, die in der einfachsten Version mit demselben Gewicht in die Zielfunktion der Zentralbank eingehen. Diese Taylor-Regel wird einerseits normativ verstanden, andererseits erklärt sie auch – wie in vielen empirischen Studien gezeigt – das tatsächliche Verhalten vieler Notenbanken.

Literatur
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